ForTeeNews – „Positive FAST NEWS, made by and for YOUTH”

Snackable Content: Joe Biden als “pal” von Kamala Harris – swipe – die USS Voyager (aus Star Trek) als mikroskopischster 3D-Druck der Welt – swipe – Sponge Bob als Netflix-Premiere (wegen der Kino-Schließungen). Tags darauf: Putin – swipe – Rudy Giulianis Pressekonferenz neben einem Sexshop – swipe – Schlangengift als Medikament – swipe – ein Martial Arts-Weltrekord – swipe – Hyperloop. Zwischendurch der neuerliche Chart-Erfolg eines früheren Miley Cyrus-Hits (Recycling im US-Wahlkampf) – swipe – Corona – swipe – die neue Xbox. „ForTeeNews“ macht keinen Hehl aus seiner bunten Mischung aus Politik und Popkultur. Das Nachrichtenangebot von Teenagern für Teenager im Alter von 13 bis 18 Jahren bedient die Instagramklaviatur mit quirliger Leichtigkeit und ist bemüht, die großen Nachrichtenthemen dieser Zeit knapp, aber konzise für ein jugendliches Publikum aufzubereiten.

Im Rahmen seines Trendreportings betreibt das VOCER Millennial Lab ein kontinuierliches weltweites Monitoring von innovativen Nachrichtenangeboten für junge Zielgruppen. Die Reihe Millennial Medium des Monats stellt Best Practice-Beispiele aus dem In- und Ausland vor. Diesmal: ForTeeNews.

„ForTeeNews“ ist das Projekt des 18-Jährigen Franzosen Pierre Caulliez. Im Krisen-Jahr 2020 begann er ein betriebswirtschaftliches Bachelorstudium an einer internationalen Business School am Standort London und sammelte nur wenige Montage nach Gründung seines Nachrichtenstartups 50.000 Euro beim Hamburger next media accelerator ein. Zu seinem internationalen Team gehört die rumänische Journalismusstudentin Adelina Lambreva als Content-Chefin und der Grafikdesigner Hans Kouagoué von der Elfenbeinküste, der für den farbenfrohen Editorial Rebrush des Kanals verantwortlich zeichnet. Darüber hinaus baute Caulliez innerhalb von zwei Monaten ein Netzwerk auf ca. 150 jugendlichen Content-Creators auf, indem er täglich Kommentare zu Videos postete, die ihm kompatibel zur eigenen redaktionellen Zielrichtung erschienen.

Regelmäßig werden Zuschriften, Hinweise und Newshighlights von jugendlichen Nutzer*innen per Direktnachricht eingesandt und als „subscriber‘s news“ aufgegriffen. Im Fokus stehen Reaktionen auf den Irrsinn so mancher weltpolitischen Entwicklung, aber immer auch konstruktive Perspektiven auf das Weltgeschehen: Da berichtet Simon aus Großbritannien begeistert über die Wahl der ersten Transgender-Senatorin in den USA, Tom aus Australien über die Entdeckung eines Korallenriffs so groß wie das Empire State Building oder Attar aus dem Libanon über eine Künstlerin, die aus Trümmerteilen der Explosion im Hafen Beiruts eine Statue aus Glas und Stein formte, um Zuversicht zu vermitteln. Das Teenager-Netzwerk soll auch dabei helfen, weltweit Mitstreiter*innen und nicht zuletzt zusätzliche Mittel einzuwerben, um das Konzept von ForTeeNews in unterschiedlichen Regionen und Sprachräumen zu verbreiten.

Name: ForTeeNews
Unternehmen: Forteen Limited
Sitz: Flat 113 Dryden Building, 37 Commercial Road, England, London, E1 1LF, Großbritannien
Website: forteenews.com
Gründung: April 2020
Gründer: Pierre Maurice Caulliez
Teamgröße: 3
Veröffentlichte Beiträge seit Start: ca. 230
Follower: Instagram >2.100

(Stand: September 2020)

Mit knapp mehr als 2.000 Abonnenten aus über 50 Ländern steht „ForTeeNews“ als englischsprachiges Angebot noch am Anfang eines Prozesses, die globale Generation Z in ihrer starken Heterogenität und unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten zu erreichen. Pierre Caulliez sieht in seinen Altersgenossen eine „internationale Generation“, für die Sprach- und Landesgrenzen keine bedeutenden Kategorien sind. Nichtsdestotrotz erkennt er in der Mediennutzung auch sprachliche Hürden und Vorlieben. Für die spanischsprechende Weltbevölkerung wird deshalb bereits ein eigenes Nachrichtengebot unter dem Namen „La Red Zeta“ entwickelt.

Pierre Caulliez

Die Ambitionen des gerade volljährig gewordenen Medienunternehmers sind von einer klaren Absage an die alte Nachrichtenwelt geprägt: Traditionelle Medien seien nicht imstande, die aktuelle Teenager-Kohorte zu erreichen, glaubt er, weil klassische Nachrichtenanbieter immer noch hauptsächlich auf die falschen Distributionswege und Darstellungsformen setzten und zu wenig Interaktion böten. Gleichzeitig glaubt Caulliez nicht daran, dass seine Generation nur Zerstreuung und Unterhaltung suche, im Gegenteil: Heranwachsende seien zukünftige Erwachsene, hätten Ambitionen und Interessen und bräuchten eine Anlaufstelle für glaubwürdige Nachrichten. Allerdings müsse sich diese möglichst nahtlos in ihr gewohntes Medienhandeln einfügen: In den meisten Regionen der Welt liegt Instagram in der Popularität der profilbasierten Social-Media-Plattformen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf dem vordersten Platz, insbesondere was die Informationsnutzung anbelangt.

Die täglichen Zusammenfassungen der für Teenager zusammengestellten Nachrichtenlage, geschrieben und redigiert von Adelina Lambreva, Journalismus-Erstsemesterin an der Universität von Lille, sollen mit bis zu 50 Worten und einer optimistischen Perspektive in nicht mehr als zehn Bild-/Text-Kacheln – auch beiläufig genutzt – zum Verstehen der Nachrichtenlage beitragen – „in a fun way“, so das Motto des Angebots. Schwarzmalerei passt hier nicht ins Bild, sondern vielmehr die Suche nach Auswegen, Mutmachendem und nach inspirierenden Lösungen. Gerade hat Caulliez eine Kooperationskampagne an weiterführenden Schulen in Frankreich gestartet, um Jugendliche zu animieren, sich regelmäßiger mit dem Nachrichtengeschehen auseinanderzusetzen und sich selbst mit Themenvorschlägen zu beteiligen.

Adelina Lambreva

Mindestens ebenso wichtig wie die richtige Prise Information ist aus Sicht von Pierre Caulliez die authentische Ansprache des jungen Publikums und kontinuierliche Interaktion. Wenn Teenager ihresgleichen mit Nachrichten versorgen, sind unterschiedliche Fallhöhen zwischen Medium und Publikum oder gar der Verdacht von Bevormundung kein Thema. Caulliez sieht traditionelle Medienangebote aber vor allem deshalb im Hintertreffen, weil sie die Social-Media-Prinzipien meist nur nachgelagert und nicht prioritär in ihre redaktionellen Prozesse einbinden. Dialog und direkte sowie schnelle Erreichbarkeit ist in der total vernetzten Kommunikationssphäre zum Goldstandard geworden und gilt – folgt man der Sicht des Startup-Gründers – erst recht für Nachrichtenanbieter: „Partizipation ist eine der essentiellen Punkte für „ForTeeNews“: Jede*r Abonennt*in kann ihre News aus ihrem Land beitragen. Jeden Tag veröffentlichen wir eine solche Meldung. Die Nutzer*innen brauchen mir nur eine DM schicken, die nicht länger als 50 Worte umfasst – und ein Bild, wenn sie wollen – mit ihrem Namen und ihrem Land. Nachdem wir die Quelle überprüft haben, veröffentlichen wir den Beitrag.“ Instant gratification für junge Leute, die ihre Stimme gehört wissen wollen.

Interaktion findet auch in täglichen Debatten statt, die am Tagesthema orientiert: Die Antworten der Kommentator*innen auf die tägliche Frage der Redaktion gibt es am folgenden Tag als separaten Slide – vielstimmig und unredigiert als Screenshot. „ForTeeNews“ setzt auf die jugendlichen Interessen und Weltwahrnehmung seiner Beiträger und beobachtet den täglichen Nachrichtenumschlag auf Google News mittels eines einfachen Tools, das den Aggregator übersichtlich nach festgelegten Stichworten durchforstet. Die Liste umfasst derzeit ca. 100 Keywords: von Disney und Games of Thrones über WWF und Jungle bis hin zu Jeff Bezos, Boris Johnson und Angela Merkel. „Die Liste ist das Ergebnis eines großen Brainstormings, bei dem wir zusammensaßen und unsere Umgebung genau beobachtet haben“, sagt Caulliez. Der Interessensfokus oszilliert zwischen Kinderzimmerkosmos und der weltpolitischen Bühne. Wie sehr ihm Politikvermittlung am Herzen liegt, zeigte der BWL-Student schon vor seiner Firmengründung bei einem Video-Wettbewerb eines Anbieters von Sprachtrainings: Pierre sprach in seinem Video über Gefahren der Datafizierung, Cyber-Mobbing und ökologische Risiken des hohen Stromverbrauchs der Internetnutzung und gewann eine Reise zu den Vereinten Nationen nach New York.

Erlöse sollen bei stärkerem Follower-Wachstum aus Werbekooperationen mit globalen Marken erwirtschaftet werden. Pierre Caulliez rechnet damit, dass zukünftig nur etwa fünf Prozent der Nutzer*innen auf einen nationalen Markt entfallen werden und damit die Diversität des internationalen Publikums seines Angebotes ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal bleiben wird. Das Investment des Hamburger next media accelerators um die Managing Partner Nico Lumma, Christoph Hüning und Meinolf Ellers fließt zu einem Viertel in die Inhalteproduktion, zu einem weiteren Viertel in die technische Ausstattung und zur Hälfte in Kommunikation und Marketing. Mittels der Zusammenarbeit mit Influencern und Werbeschaltungen auf einschlägigen Social-Media-Plattformen möchte Pierre Caulliez Teenager rund um den Globus für sein Nachrichtenangebot interessieren.

Besonders profitiere das Team aber von dem Austausch mit anderen Startups im „Batch“ Nummer 11 und darüber hinaus. Accelerator-Programme sollen für eine Beschleunigung der Geschäftsmodellentwicklung von jungen Unternehmen sorgen. In Kohorten durchlaufen Startups gemeinsam ein mehrstufiges Mentorenprogramm, das ihnen zugeschnittene, anwendungsorientierte Einschätzungen und Ratschläge von Experten vermittelt und das Ziel hat, die jeweiligen Angebote der Startups zu verbessern und ihr Marktpotenzial zu steigern. Das Coaching des Akzelerators habe ihm vor allem verdeutlicht, dass er seine Geschäftsstrategie systematisch nach und nach ausrollen sollte – ein Schritt nach dem anderen – „dabei war ich bislang nicht der Step-by-Step-Typ“, sagt Caulliez.

Ehrgeizig hat das junge Team bereits zahlreiche Verticals projektiert: neben klassischen Domänen wie „ForTeenMusic“, „ForTeenSport“ oder „ForTeenPimp“ (Beauty) auch querliegende Themen wie „ForTeenShow“, „ForTeenCars“ oder „ForTeenSpace“. Ein Ziel: durch Diversifizierung die Millionenmarke zu reißen. Dazu beitragen sollen auch weitere populäre Social-Media-Plattformen: Eigene Kanäle für Snapchat und TikTok sind in der Entwicklung und sollen im Laufe des Jahres 2021 starten, gefolgt von YouTube und Spotify. Auch eine eigene App ist geplant: Pierre Caulliez kann sich vorstellen, bei mehr als einer Million regelmäßiger Nutzer*innen für einen exklusiveren Zugang zum Angebot von „ForTeeNews“ 6,90 US-Dollar pro Monat zu veranschlagen. Wenn es nach den Projektionen des Gründers geht, könnte dies schon im September 2021 der Fall sein.

Mehr Trendreport vom VOCER Millennial Lab:

Die da oben!
The Doe
Screenshot von InshortsScreenshot Inshorts
Reuters Institute
Screenshot von NAS Daily
Reuters Institute for the Study of Journalism

Langzeitstudie Massenkommunikation und ARD/ZDF-Onlinestudie: Schöne digitale Videowelt

Immer mehr Menschen in Deutschland nutzen das Internet. Längst kann nicht mehr nur von einer neuen Mediengattung gesprochen werden: Es gibt nicht mehr ‚das‘ Internet, vielmehr stellt die technische Infrastruktur des digitalen Netzes ein Füllhorn an Funktionalitäten bereit, die umfassend das gesellschaftliche und kulturelle Leben prägen. Online-Kommunikation wird so vielfältig praktiziert wie digitale Medieninhalte für das Internet produziert und angeeignet werden.

Das Logo des VOCER Millennial Labs

Beim Trendreporting des VOCER Millennial Labs recherchieren und analysieren wir den Markt der Medienangebote, die sich an Millennials richten, fassen relevante Studien zusammen und geben internationale Einblicke in den Journalismus für neue Zielgruppen. In diesem Beitrag beleuchten wir die relevanten Ergebnisse der „Langzeitstudie Massenkommunikation“ und der ARD/ZDF-Onlinestudie.

Diese grundlegenden Transformationsprozesse von Medienumgebung und Mediennutzung fordern Längsschnittstudien heraus, die Wandel aus Gründen der Vergleichbarkeit nur mit klaren Bezugskategorien abbilden können. Mit der Langzeitstudie Massenkommunikation werden im Auftrag der ARD/ZDF-Forschungskommission schon seit Anfang der 1960er-Jahre im Fünfjahresrhythmus Personen ab einem Alter von 14 Jahren zu ihrem Mediennutzungsverhalten und ihren Einschätzungen gegenüber Medienangeboten in ganzer Breite befragt. Sie liefert zuverlässig Eindrücke einer sich kontinuierlich wandelnden Mediengesellschaft aus Sicht der mediennutzenden Bevölkerung. Seit 1997 erscheint zudem jährlich die ARD/ZDF-Onlinestudie mit detailliertem Fokus auf die Internetnutzung in Deutschland. Jährlich erscheinen seit 2017 außerdem die Massenkommunikation Trends, um die übergreifenden zunehmend rasanteren Veränderungen der analogen und digitalen Medienbranche genauer dokumentieren zu können.

Sowohl die Langzeitstudie als auch die Onlinestudie warten in diesem Jahr mit neuen Erhebungsdaten auf, die bestimmte Trends, die sich in den Vorjahren bereits abzeichneten, fortschreiben und einige neue Ausschläge verzeichnen, die für die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten und die strategische Weiterentwicklung von Nachrichtenangeboten relevant sind.

Die wichtigsten Ergebnisse der aktuellen Erhebung der Langzeitstudie Massenkommunikation und der ARD-ZDF Onlinestudie sind in dieser Hinsicht mit Blick auf die junge Zielgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen:

Tiefgreifende Mediatisierung: Eine der gravierendsten Veränderungen wurde in der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen mit der fast vollständigen Durchsättigung des Lebensalltags registriert. Nie wurde eine höhere durchschnittliche Mediennutzungsdauer pro Tag ermittelt als in der aktuellen Erhebung der Langzeitstudie Massenkommunikation. Der Medienkonsum von Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat sich im Tagesverlauf stetig ausgeweitet: Netto verbringen die 14- bis 29-Jährhigen zwar wie schon 2010 und 2015 etwa achteinhalb Stunden am Tag mit Medien, doch Brutto-Nutzungsdauer schnellte durch eine stark intensivierte Parallelnutzung mehrerer Medien auf einen Rekordwert von nahezu zehneinhalb Stunden (621 Minuten) – eine Stunde mehr als noch vor fünf Jahren. Das heißt: Jugendliche und junge Erwachsene chatten zum Beispiel häufiger beim Schauen einer Netflix-Serie über WhatsApp mit ihrem Freundeskreis oder verbringen ihre Zeit gleichzeitig mit Musikhören und Gaming. Gesprochen wird hier von verdichteter Nutzung – mit dem Risiko einer zunehmend beiläufigen Aneignung der konsumierten Inhalte. Der Alltag der jüngeren Bevölkerung ist demnach nicht mehr ohne technische Kommunikationsmedien vorstellbar. Der Corona-Lockdown hat hier sicherlich zur weiteren Verdichtung beigetragen, nichtsdestotrotz setzt sich ein Trend fort, der bereits seit einem Jahrzehnt abzeichnet.

Umfassend vernetzt: Digitale Medienangebote sind durch die mobilen Nutzungsmöglichkeiten mittlerweile durch den Ausbau der Breitbandnetze omnipräsent – insbesondere im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Gedruckte Periodika wie Tageszeitungen und Zeitschriften brauchen nur noch unter ferner liefen verbucht werden (6 Prozent Nutzung in der Altersgruppe). Allerdings fallen neuerdings auch die klassischen elektronischen Medien noch deutlicher ab als zuvor: Fernsehen und Radio von jeweils über 70 Prozent im Jahr 2015 auf aktuell nur noch 38 Prozent bzw. 51 Prozent in den Reihen der Generation Z und Generation Y/ Millennials. Unmissverständliche 97 Prozent der umworbenen Zielgruppe sind täglich im Internet (im Vergleich zu 72 Prozent aller Befragten). Sie nutzen Internetdienste 388 Minuten am Tag (etwa 90 Prozent länger als die Gesamtzahl der Befragten), davon entfallen auf mediale Inhalte 257 Minuten, was mehr als das Doppelte im Vergleich zu allen Befragten ausmacht. Und: Während nur jeder zweite Befragte täglich das sogenannte mediale Internet nutzt, also produzierte Medieninhalte rezipiert, sind es unter den Jüngeren neun von zehn. Der Unterschied kann auch daran festgemacht werden, dass für 57 Prozent der Gesamtbevölkerung ab 14 Jahren analoge Medien ins Repertoire gehören, bei den Jüngeren jedoch nur für jeden Vierten bis Fünften.

Online tagein, tagaus: Als entscheidenden Treiber dieses generellen Nutzungszuwachses bezeichnen die Autor*innen der Studie die Allgegenwärtigkeit digital vernetzter Medientechnologie, die hauptsächlich durch die gewachsene Bedeutung sozialer Medien in der Nutzung die Grenzen zwischen Individual- und Massenkommunikation verwischen: Bereits am frühen Morgen greift die jüngere Bevölkerung mehrheitlich zum Smartphone, um sich online zu informieren oder zu unterhalten, und legt das Gerät erst auf den Nachttisch, wenn das Licht längst erloschen ist. Im Vergleich zu den übrigen Mediengattungen bleibt die Internetnutzung auch über den Tag hinweg auf hohem Niveau konstant und nimmt erst wieder am späten Abend ab. Auch hier ist ein deutlicher Unterschied zur Gesamtbevölkerung festzustellen, bei der die durchschnittliche Internetnutzung im Tagesverlauf nur einen Bruchteil der Reichweite erzielt und bei der die traditionellen Mediengattungen zu den klassischen Nutzungszeiten am Morgen (Zeitung, Radio) und Abend (Fernsehen) – wenn auch abflauend – ihre Relevanz behaupten.

Sag‘ mir, was hält dich hier? Die Forschungsgruppe verzichtete bei der aktuellen Erhebung aus vornehmlich pragmatischen Gründen auf einige Fragestellungen, überaschenderweise auch auf die nach der Bindung an bestimmte Medienangebote. Im Jahr 2015 wurde noch ermittelt, wie maßgeblich die persönliche Bindung an das Internet als technologische Infrastruktur mediatisierter Kommunikation bei jungen Nutzer*innen damit zusammenhängt, dass sie ihren zwischenmenschlichen Austausch in wesentlichen Teilen online praktizieren. Für Nutzer*innen unter 30 war vor fünf Jahren wechselseitige Kommunikation (chatten, posten, E-Mails verschicken oder Messaging-Dienste nutzen) mit großem Abstand die wichtigste Online-Beschäftigung: 87 Prozent der Befragten gaben damals an, dass sie es vermissen würden, über das Internet zu kommunizieren, wohingegen nur 38 Prozent das Lesen von Zeitungs-Websites und vier von zehn Befragten Nachrichten bei Suchmaschinen oder Internet-Providern fehlen würden. Während zwei Drittel der 14- bis 29-Jährigen das Internet nicht mehr missen mochten, war es nur knapp die Hälfte der 30- bis 49-Jährigen und weniger als ein Drittel der über 50-Jährigen. Die Bedeutung zwischenmenschlicher Direktkommunikation über das Netz kann aktuell noch über die hohe Bedeutung der entsprechenden Apps und Portale wie WhatsApp (92 Prozent der Jüngeren), Instagram (53 Prozent) und Snapchat (27 Prozent) in der täglichen Nutzung abgeleitet werden.

Der demographische Bruch in der Bewegtbildnutzung: Nirgendwo zeigen sich die unterschiedlichen Gewohnheiten in der Art der Mediennutzung deutlicher als im Direktvergleich zwischen Menschen jünger als und solchen jenseits der 30: Während das lineare Programmfernsehen in Corona-Zeiten im Gesamtmittel der Befragten ab 14 Jahren mit Abstand die stärkste regelmäßig genutzte Anlaufstelle für Bewegtbild bleibt, verzeichnen YouTube und Streamingdienste das größte Nutzerpotenzial im Internet. Hier ist die jüngste befragte Altersgruppe Vorreiter: 79 Prozent der 14- bis 29-Jährigen sehen regelmäßig Videos auf YouTube, 71 Prozent bei (anderen) Streamingdiensten – deutlich mehr als lineares Fernsehprogramm (54 Prozent). Bei den übrigen Altersgruppen liegt das klassische Programmfernsehen deutlich vorn, obwohl es im Langzeitvergleich rückläufige Werte erzielt und mittlerweile auf dem Reichweitenniveau von 1985 liegt. Bei jungen Menschen liegt Video nun erstmals vor Audio: Die Wahrnehmungskategorie Sehen hat hier mit sieben Prozentpunkten in den vergangenen fünf Jahren einen enormen Zuwachs verzeichnet und prägt bei 46 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen das tägliche Medienmenü (44 Prozent Audio, 10 Prozent Text). Alle Online-Videoangebote zusammengenommen verzeichnen einen Allzeithoch im Zuspruch bei 98 Prozent der jüngeren Nutzer*innen (im Vergleich zu etwas mehr als zwei Drittel aller Befragten).

Radio vs. Streaming: Hatte sich das lineare Radio in weiten Teilen der Bevölkerung einen vermeintlich zukunftsfähigen Platz als (auto)mobiler Begleiter gesichert, zeigt sich in der häuslich geprägten Phase der Corona-Pandemie die Stärke der Musikstreaming-Dienste. Im Vergleich zum Vorjahr ist hier eine deutliche Verschiebung zu registrieren: Radio sackt weiter ab auf knapp 36 Minuten pro Tag, Streaming dagegen wächst von 32 auf 44 Minuten. Bei 80 Prozent der jungen Menschen dominiert Streaming das Musikerleben – allen voran Spotify. Doch auch YouTube hat sich mit seinem Music-Dienst in Stellung gebracht und wird als Zweitplatzierter von ungefähr jedem zehnten jungen Befragten gehört. Ältere Befragte nutzen diese Abo-Services nur zu 42 Prozent (30-49 Jahre) bzw. 12 Prozent (50+ Jahre).

Podcasts zeigen stabile Entwicklung: Podcasts als sprachzentrierte Audioinhalte profitieren offenbar nicht überschwänglich von dem allgemeinen Trend zu Online-On-Demand-Streaming. Sie erreichen weiterhin wie im Vorjahr etwa ein Viertel der jungen Nutzer*innen und 12 Prozent aller Befragten ab 14 Jahren.

Wer mehr sieht und hört, hat weniger Zeit zum Lesen. Die steigenden Nutzungszahlen von Bewegtbild und Audio scheinen zu Lasten des Lesens zu gehen: Junge Leute nutzen Textinhalte im Internet wesentlich kürzer an einem Durchschnittstag wie vor fünf Jahren (24 statt 49 Minuten). Das Studienteam ist sich selbst unsicher, ob es sich dabei um einen Trend handele, der sich „in einer verminderten Bedeutung von redaktionellen Texten“ ausdrücke.

Plattformen als dynamische Dreh- und Angelpunkte: Instagram liegt nach dem Messaging-Dienst WhatsApp weit vorn in der Gunst der Teenager und Twentysomethings: Mehr als zwei Drittel von ihnen geben an, das einstmalige Fotonetzwerk täglich zu besuchen. Instagram ist in den vergangenen Jahren immer stärker zu einem integrierten Social Network mit einer Vielzahl von Funktionalitäten und Optionen zur Nutzerinteraktion und Veröffentlichung von Medieninhalten geworden. Darauf folgen Facebook mit stetig zurückgehendem Zuspruch jüngerer Nutzer*innen (zurzeit bei 44 Prozent) und Snapchat mit bemerkenswert stabilen 41 Prozent. TikTok liegt bereits vor Twitter bei 9 Prozent. Es ist höchstwahrscheinlich, dass hier auch weiterhin eine starke Dynamik zu beobachten sein wird.

Vertrauen entpuppt sich als harte Währung: Wiederholt zeigt sich, dass junge Menschen ein ausgeprägtes Qualitätsverständnis haben und hohe Ansprüche speziell an mediale Informationsangebote richten. Dass sich dies (häufig) nicht in Tagesreichweiten und Angebotsrankings niederschlägt, ist zweifelsfrei ein ungelöstes Problem. Dennoch zeigen die Befragungsergebnisse der Langzeitstudie Massenkommunikation, wie deutlich 14- bis 29-Jährige zum Teil zwischen öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Medienanbietern unterscheiden, wenn sie darum gebeten werden, Glaubwürdigkeit und Vermittlungskompetenzen zu bewerten: Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten erzielen mit ihren Radio- und Fernsehangeboten (auch digital) in der jüngsten Altersgruppe der Befragung sogar zusammen höhere Glaubwürdigkeitswerte als im Mittel aller Befragungsteilnehmenden. Doch auch Zeitungen und Zeitschriften (als Mediengattung) erzielen Spitzenwerte. Die Streamingdienste stehen etwas zurück, können sich mit deutlich höherem Zuspruch der Jüngeren im Vergleich zum Gesamtschnitt aber im Mittelfeld behaupten. Soziale Medien hingegen liegen abgeschlagen auf den hinteren Plätzen: Weniger als ein Drittel der jüngeren Befragten meint, dass Instagram, Facebook etc. glaubwürdige Inhalte bieten. Relevante Themen schreiben die 14- bis 29-Jährigen hauptsächlich und noch stärker den Printmedien zu als den öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehanbietern, wobei sie sich bei politischen Informationen am ehesten für ein öffentlich-rechtliches Nachrichtenangebot entscheiden. Bedeutsam ist auch, dass für 67 Prozent der Jüngeren die Medienrealität ihrer eigenen Wahrnehmung der Welt entspricht – hier liegen sie gleichauf mit den Befragten jenseits der 70. Bei den Jungen gibt es nur wenige Zweifler.

Fazit

Journalistinnen und Journalisten werben mit vielen frischen Ideen, relevanten Themen und einer beeindruckenden Formenvielfalt darum, von jungen Menschen im Netz wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden. Ihre Inhalte erreichen aber nur zu selten die gesuchte Zielgruppe. Was sagen die gesammelten Ergebnisse der Langzeitstudie Massenkommunikation und der ARD/ZDF-Onlinestudie über aktuelle Chancen und aussichtsreiche Ansätze?

  1. Orientierung bieten
    Angehörige der Generation Z (bis Anfang 20) und die etwas älteren Millennials haben ein immenses Interesse an Nachrichten. Ihre Lebensphasen verlangen ihnen ein erhöhtes Maß an Orientierung in vielen für sie bislang unbekannten Themenfeldern und der Welt als solche ab. Doch nur es fehlt die Zeit: Pubertät, Schulabschluss, Abnabelung vom elterlichen Lebensraum, berufliche Ausbildung, Studium, Jobeinstieg und Familiengründung. Schon immer war es schwer, in diesen Phasen extrem verdichteten Lebenswandels junge Menschen mittel- bis langfristig an konkrete Informationsquellen zu binden. Unter dem Eindruck allgegenwärtiger digitaler Mediennutzung mit einem hochgradig ausdifferenzierten Medienangebot entscheidet vielfach nicht nur die Erkennbarkeit journalistischer Inhalte über Erfolg oder Misserfolg eines Angebots, sondern auch das Lustprinzip: eine attraktive Abgrenzung gegenüber all dem, was digitalmedial lockt und reizt. Zumindest die Ausgangslage erscheint günstig: Junge Menschen schätzen die Glaubwürdigkeit etablierter Nachrichtenorganisationen hoch ein, höher gar als ihre Eltern und Großeltern. Sie hören Podcasts, lesen, wenn auch weniger, aber sehr gezielt, Texte im Internet. Und sie informieren sich in steigendem Maße über Bewegtbildangebote im Netz.
  2. Nachrichtenkompetenz fördern
    Damit es nicht bei einer bloßen Hoffnung bleibt, dass Jugendliche und junge Erwachsene bei drängendem Informationsbedarf ihren Weg zum passenden professionellen Nachrichtenangebot finden, gilt es, weiter für den Wert journalistischer Inhalte zu sensibilisieren. Es bleibt eine große (gemeinsame) Aufgabe von Bildungspolitik, schulischer Bildung und auch journalistischer Praxis, Nachrichtenkompetenz zu fördern; denn es ist heutzutage schwerer denn je, in den Social-Media-‚Newsfeeds‘ und -‚Timelines‘ qualitativ untadelige Nachrichteninhalte zu erkennen. Journalistische Inhalte fristen in der unablässigen Abfolge unterschiedlichster Postings ein Schattendasein. Wer nicht aktiv sucht oder seine Informationsroutinen zielgerichtet ausrichtet, hat Schwierigkeiten, für sich relevante Berichterstattung aufzufinden. Nachrichtenkonsum verkommt dadurch leicht zur intellektuellen Herkulesaufgabe – denn der Reflexionsgrad, der Online-Publika abverlangt wird, ist angesichts der schnell überfordernden Masse an Inhalten enorm.
  3. Lösungsorientiert berichten
    Die volatilen Veränderungen der digitalen Medienumgebung sind (auch) für junge digitalaffine Menschen eine Quelle von Stress – eine Tendenz, die sich während des Corona-Lockdowns noch verstärkt haben dürfte. Bei einer medialen Übersäuerung – auch durch das nachrichtliche Brennglas auf dräuende Pandemiestatistiken – ist eine Übersteuerung der Mediennutzung hin zu Unterhaltungs- und Zerstreuungsangeboten wahrscheinlich. Eine solche „News Fatigue“ verlangt nach mehr als einem offenen Ohr für die Bedürfnisse des (jungen) Publikums, das sich ob des schon beinah traditionell problemlastigen und konfliktorientierten Berichterstattungsfokus von etablierten Nachrichtenangeboten abwendet, weil sie ihnen schlicht auf den Magen schlagen oder auf die Nerven gehen. Konstruktive und lösungsorientierte Ansätze im Journalismus setzen hier an und versprechen – kombiniert mit einer konsequenten Einbeziehung des Nutzerblickwinkels – relevanten Mehrwert für junge Menschen, der von ihnen wertgeschätzt wird. Es geht dabei nicht um einfache Rezepte, sondern den Versuch, Perspektiven aufzuzeigen, so kompliziert sie auch sein mögen.
  4. Werte diskutieren
    Je mehr Journalismus unter Einbeziehung sozialer Alltagswelten Jugendlicher und junger Erwachsener wertevolle Inhalte erzeugt und unter Beteiligung der Zielgruppe vermittelt, desto eher kann eine Netzwende gelingen. Ein hoher Bedarf an Wertediskussionen und haltungsorientierter Kommunikation muss nicht zwingend eine Entgrenzung journalistischer Regelstrukturen nach sich ziehen: Allerdings fehlt häufig speziell im Lokaljournalismus der direkte Draht zur jungen Bevölkerung und ihren Blick auf die weite Welt in der lokalen Lebenswirklichkeit. Transfer (Themen ‚herunterzubrechen‘) und kreative Kombinationsfreude sind alte und neue Kompetenzen, die das journalistische Rüstzeug prägen, wenn junge Menschen in ihren Köpfen Grenzen sprengen und Werte mit sich selbst und anderen aushandeln. Journalismus hat die Aufgabe, zur Aufklärung beizutragen und junge Stimmen authentisch in die gesamtgesellschaftlichen Debatten zu tragen.
  5. Don’t kill the messenger
    Nachrichtenmedien werden besonders in der aktuellen Situation angespannten gesellschaftlichen Zusammenlebens durch pandemische Infektionsschutzauflagen und politische Polarisierung als Überbringer unheilvoller Botschaften wahrgenommen. Bei jungen Menschen ist das Markenbewusstsein für Nachrichtenangebote ohnehin gering und muss erst geprägt werden. Hierbei vergeben viele Medienhäuser große Chancen, da sie sich nicht ausreichend als vielstimmige Vermittler der gesellschaftlichen Selbstverständigung verstehen, sondern als solitäre Chronisten und bestenfalls Kommentatoren dessen, was geschieht. Das macht sie nicht nur uninteressant, sondern auch zur Zielscheibe von Frustreaktionen. Dabei zeugen die hohen Glaubwürdigkeitswerte für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Presseerzeugnisse weniger von einer hohen Markenloyalität; im Gegenteil: Die tatsächlichen Nutzungswerte fallen bei jüngeren Alterskohorten im Vergleich marginal aus. Sie lassen allerdings den Schluss zu, dass es ein hohes (diffuses) Vertrauen in althergebrachte Medieninstitutionen gibt, was als Ausdruck einer verbreiteten Sehnsucht nach Nachhaltigkeit und Verlässlichkeit gewertet werden mag. Nachrichtenanbieter sollten sich deshalb ihrer Stärken als seriöse Informationsquellen besinnen und sich entsprechend profilieren – dabei aber nicht vergessen, nahbarer, zugänglicher und umgänglicher zu werden.

Mehr Trendreport vom VOCER Millennial Lab:

Die da oben! – „Im Bundestag ist Feuer drin“

Feuer im Bundestag? Dass es dort ziemlich kontrovers oder auch witzig zugehen kann und sich Abgeordnete auch mal heiß reden, zeigt Jan Schipmann wöchentlich als Host seines jungen Politikkanals im Social Web. Gemeinsam mit ZDF-Moderatorin Aline Abboud greift er mit ernstem Gesicht und schnoddrigem Ton Debatten aus dem Deutschen Bundestag und sporadisch auch Landtagen oder dem EU-Parlament auf und zeigt mal mehr, mal weniger prägnante Redeausschnitte von Abgeordneten zu Fragen, die die Gesellschaft bewegen oder gar zu polarisieren im Stande sind: Warum werden Corona-Demos verboten und dann wieder erlaubt? Warum hilft die EU Geflüchteten nicht mehr? Wie korrupt ist der Bundestag? Und wie wahrscheinlich ist ein gesichertes Grundeinkommen? Mit „Die da oben!“ erreichen der 33-Jährige und seine 32-Jährige Kollegin regelmäßig fünfstellige Abrufzahlen, mit ihren „Best Of“-Zusammenschnitten zur Speaker-Performance ausgewählter Politiker*innen sind es bisweilen deutlich mehr.

Im Rahmen seines Trendreportings betreibt das VOCER Millennial Lab ein kontinuierliches weltweites Monitoring von innovativen Nachrichtenangeboten für junge Zielgruppen. Die Reihe Millennial Medium des Monats stellt Best Practice-Beispiele aus dem In- und Ausland vor.

„Die da oben!“ ist seit April 2019 Teil von „Funk“. So umstritten das „Junge Angebot von ARD und ZDF“, wie das ambitionierte Großprojekt für junge Zielgruppen im Arbeitstitel hieß, von Anfang an war: Der Streit um eine vermeintliche Alimentierung von YouTube-Stars, die starke Präsenz auf Social-Media-Plattformen von US-Konzernen, der – an privatwirtschaftlichen Maßstäben gemessen – hohe Jahresetat von 45 Millionen Euro scheinen viereinhalb Jahre nach dem Start im März 2016 in den Hintergrund gerückt; denn funk ist in vielerlei Maßstäben erfolgreich. Mit aktuell über 60 Formaten reicht das Spektrum des „Content-Netzwerks von ARD und ZDF“ mit seiner Zentrale in Mainz von YouTube-Sketch-Comedys, Gaming-Formaten und Facebook-Live-Shows bis hin zu anspruchsvollen und reportagigen Magazin- und Nachrichtenformaten, deren Stärken im Recherchejournalismus liegen.

Die Medienforschung des Südwestdeutschen Rundfunks (SWR) und jene des ZDF ermittelten, dass annähernd drei Viertel der jungen Zielgruppe, die in ihrer Diversität teils der Generation Z, teils der Generation Y oder Millennials zugerechnet werden, das Angebot von „Funk“ kennen. „Wir müssen einen 14-Jährigen genauso wie einen 29-Jährigen erreichen. Das ist ein riesiges Feld. Das an einer Plattform zu machen, halten wir für komplett utopisch“, erklärte Geschäftsführer Florian Hager, aus der Programmleitung von Arte kam, zum Launch von „Funk“.  Vize-Geschäftsführerin Sophie Burkhardt ergänzt: „,Funk‘ ist ein Prisma: Wenn ich jetzt 14 bin, ist Funk für mich etwas Anderes, als wenn ich 24 bin. Wenn ich ein junger Mann bin ist es etwas anders, als wenn ich eine junge Frau bin. Je nachdem, aus welcher Perspektive ich darauf schaue, sieht Funk anders aus. Und das ist durchaus so gewollt. ‚Funk‘, das sind viele kreative Menschen, die im Internet Videoprojekte machen, die nur dort stattfinden und nur mit ‚Funk‘.“

Nicht grell laut, aber lustig ernst

In diesem Prisma leuchtet das Redehighlights-Format „Die da oben!“ nicht am grellsten, auch nicht am lautesten. Unter den aktuellen „Funk“-Formaten aus dem Newssegment belegt es auch bei den Followerzahlen nicht den Spitzenplatz. „Funk“-Formate empfehlen sich gern untereinander. Als die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim auf ihrem vielbeachteten Kanal „maiLab“ den unterhaltsamen Blick von Abboud und Schipmann in den Bundestag lobte, gab es einen Schub in den Abonenntenzahlen und viele digitale Kekse in den Kommentarspalten.  Innerhalb von eineinhalb Jahren haben sich die Parlamentsberichte bereits ein loyales und diskussionsfreudiges Publikum erarbeitet, das das Format für seine Geradlinigkeit und seine humorvoll-pointierte Verständlichkeit schätzt. „Die da oben!“ ist politische Aufklärung für junge Erwachsene, knüpft Zusammenhänge, stellt politische Positionen gegenüber, dekonstruiert Widersprüche oder schöpft rhetorische Glanzleistungen aus den Parlamentsdebatten. Mandatsträger*innen werden daran gemessen, wie und worüber sie in der Volksvertretung kommunizieren: „Wir bilden das ab, was unsere Politiker in den Parlamenten so treiben“, sagt Jan Schipmann im Interview. Bei der Verwendung von Falschinformationen in Parlamentsreden werden redaktionelle Korrekturhinweise gegeben. Damit richtet sich das Format an 19- bis 29-jährige, bei denen mit der nachschulischen Unabhängigkeit auch das Interesse für bundespolitische Themen und Entscheidungsprozesse keimt. Es geht um die Sozialisation zu mündigen Staatsbürger*innen – gerne auch mit einer Bazooka, um ein Zitat der „explosiven Geheimwaffe Olaf Scholz der Sozialdemokraten“ aufzugreifen.

Dabei sollen die jungen Nutzer*innen nicht unterschätzt werden: Wenn eine Partei in ihrer parlamentarischen Redezeit keinen einzigen konstruktiven Lösungsvorschlag formuliere, dann merke das auch der uninformierte Zuschauer, glaubt Schipmann. Je konkreter Lösungsansätze seitens der Politik debattiert würden, desto eher werde es vom jungen Publikum wertgeschätzt. Daraus würden politische Haltungen geformt, bei welchen Parteien sich ein junger Mensch mit seinen Zielen oder auch Nöten aufgehoben fühle, als Wähler oder aktiv politisch gestaltend. So lässt das Host-Duo bei aller umgangssprachlichen Lässigkeit ihrer Moderation in der Regel seine persönlichen Meinungen außen vor. Es gilt das Gebot der Ausgeglichenheit. Gezeigt werden solle, wie groß das Meinungsspektrum im Bundestag ist. Aline Abboud möchte zudem eine „weibliche Perspektive auf das ziemlich männliche Parlament“ bieten. Haltung scheint auch dann und wann durch, vor allem gegen jegliche Form des Extremismus: „In den Sozialen Medien funktionieren krasse Meinungen und krasse Bilder“, weiß Schipmann. Umso wichtiger sei es aus seiner Sicht, dass Journalismus „für junge Menschen, die sich im politischen Raum noch nicht so gut orientieren können“, eine relativ neutrale Berichterstattung und Einordnung bietet. Sich selber in den Vordergrund zu stellen, helfe nicht.

Name: Die da oben!
Produktionsfirma: Hyperbole Medien GmbH
Sitz: Frankfurter Allee 13-15, 10247 Berlin
Website: http://www.hyperbole.de/formate/die-da-oben-2/
Gründung: April 2019
Gründer: Jan Schipmann
Moderator*innen: Aline Abboud, Jan Schipmann
Teamgröße: 14 (Redaktion: 3)
Veröffentlichte Videos seit Start:
> 100 (YouTube)
> 200 (Facebook)
Follower:
YouTube > 51k
Facebook > 45,5k
Instagram > 18,9k
Telegram: > 800

(Stand: September 2020)

Informr als Basis

Jan Schipmann hat eine „Funk“-Vergangenheit. Er gehört seit den ersten Monaten zur Familie: Mit „Informr“ startete er im Dezember 2016 ein politisches Interview-Format, damals noch redaktionell betreut vom Jugendsender MDR Sputnik. Zum Jahreswechsel 2018/19 lief nach etwa 300 Videos die Zusammenarbeit mit MDR Sputnik aus. Der Sender entschied sich, seine „Funk“-Inhalte verstärkt selbst zu produzieren; für Schipmann kein Rückschlag, auch weil er vom Konzept eines niedrigschwelligen, aber nicht unterkomplexen Politikformats junge Leute mit Aktivierungsimpetus überzeugt geblieben ist. Heute erkennt er Adaptionen von „Informr“ bei der „Diskuthek“ von stern.de oder beim „Machiavelli“-Podcast des WDR. Der Neustart gelang der Hyperbole Produktionsgesellschaft, bei der Schipmann als Redaktionsleiter Politik arbeitet, im Direktpitch in der „Funk“-Zentrale: Das kleine Berliner Unternehmen aus der Frankfurter Allee überzeugte die digitalen Programmplaner, ein Scout-Team aus Redakteur*innen des ZDF und der ARD-Rundfunkanstalten BR, MDR, WDR, Radio Bremen und RBB, mit dem Konzept einer wöchentlichen themenzentrierten Aufarbeitung parlamentarischer Debatten. Mit dem konsequenten Fokus auf Themen wurde das Profil schärfer: „Im Gegensatz zu ,Informr‘ wissen die Leute, was sie bekommen, wenn sie auf unserer Webseite sind.“ Vagheit wurde ersetzt mit einem engen Blickwinkel auf Politik: das Handeln politischer Akteure in den politischen Arenen.

Jan Schipmann

Jan Schipmann

Die meisten Zuschauer*innen klicken nach Beobachtung der Redaktion aus Themeninteresse auf die Videos und nicht etwa, weil sie zu einer regelmäßig wiederkehrenden Fanbase gehören, die sich durch eine „krasse Politikaffinität“ auszeichne, so Schipmann. Entsprechend werden bevorzugt gesellschaftliche Debattenthemen aufgegriffen, die in der Lebenswirklichkeit junger Menschen vor-, im politischen Diskurs aber häufig noch zu kurz kommen: LGBTQ+,Menschenrechte, Uploadfilter, Rassismus, Klimaschutz, die Zukunft der Technik, Entwicklung des Arbeitsmarkts und so fort. „Es gibt aber auch super viele Vollnerds, die zusätzlich sogar Phoenix einschalten“, berichtet Schipmann. Diesem Teil des Publikums gehe es um unterschiedliche Perspektiven auf Politik – sie wollen möglichst breit und vielstimmig informiert werden. Dennoch sieht sich Schipmann als Gegenentwurf des traditionellen Politikjournalisten: „Vielen geht es um die Ansprechhaltung: Bei Phoenix hast du einfach den Old-School-Parlamentsberichterstatter. Das kann man mögen. Das ist sehr akribisch, reflektiert und kompetent. Aber es ist nicht gerade ein Feuerwerk der Emotionen. Wenn ich Anfang 20 wäre, hätte ich wenig Bock, das zu gucken.“

Divers und kontrovers

Aline Abboud

Sein Co-Host Aline Abboud kommt aus der heute-Redaktion des ZDF, hat beim Parlamentsfernsehen des Deutschen Bundestags volontiert und steht ihrem Kollegen in Sachen spitzzüngiger Klarheit nicht nach und ist für Schipmann eine Idealbesetzung: „Es gibt nicht gerade einen Frauenüberschuss im politischen Journalismus“, beklagt er. Die 1988 in Ost-Berlin geborene Arabistin sei für das Format die „perfekte erste Wahl“ gewesen. Schipmann selbst studierte Germanistik, Musikwissenschaften und Philosophie und drängte schon früh mit seinem „Alles-und-Nichts-Profil“ in den Journalismus: Mit Anfang 20 machte er bei „Kölncampus“ Hochschulradio und belegte als studentischer Mitarbeiter Schichten bei den Vox-Nachrichten. Danach betreute er mehrere Jahre Livesendungen beim Radiokanal WDR5. 2016 kam Schipmann dann zu Hyperbole und ist mittlerweile dienstältester Mitarbeiter der im Jahr 2015 gegründeten Firma.

Wie bei allen „Funk“-Formaten ist auch „Die da oben!“ nicht ausschließlich auf einer Social-Media-Plattform zuhause: Sämtliche Videos werden auch auf der Website von „Funk“ unabhängig von den großen Portalen veröffentlicht. Facebook und YouTube halten sich jedoch die Waage, mit unterschiedlichen Reichweitenfaktoren: Bei YouTube erscheinen die regulären Videos in voller Länge und ohne Untertitel, die für gewöhnlich zwischen zwei und neun Minuten variiert. Bei Facebook folgt die Redaktion einer anderen Plattformspezifik und untertitelt alle Inhalte, da Nutzer*innen hier Videos überwiegend mobil ohne Ton rezipieren. Auch werden bei Facebook zusätzlich kurze Video-Auszüge aus verschiedenen Debatten gepostet, die als Statements einzelner Politiker*innen entweder besonders kontrovers oder clever erscheinen. Bei Facebook seien die Videos, obwohl die Abonnentenzahlen im Direktvergleich hinter YouTube zurückfallen, reichweitenstärker, sagt Schipmann. Bei Googles Videoportal aber gäbe es die „krasseste Retention Rate“, die loyalsten Nutzer*innen. Und dennoch hadert die Redaktion bei YouTube mit der starken Gesichtsfixierung der Plattform: nicht die Themen, sondern die Creators stünden im Vordergrund, sperrige Inhalte hätten es daher schwer. So zeigen Abboud und Schipmann hier häufiger Gesicht und nähern sich damit Formaten wie „Deutschland3000“ mit Eva Schulz an, die mit der starken Persönlichkeit ihrer Presenter beim Publikum zu punkten versuchen.

Auch „Die da oben!“ reiht sich ein in die Riege stark personalisierter Formate bei „Funk“, die in der Sphäre des Social Web Reichweite bringen sollen: „Worauf wir Wert legen, wenn wir mit Produzenten sprechen, ist, dass es ein schlüssiges Reichweiten- und Distributionskonzept geben muss“, sagt „Funk“-Vize-Geschäftsführerin Sophie Burkhardt: „Für uns ist es wichtig, dass man nicht nur von der redaktionellen Idee ausgeht, die man selber gut findet und sich darauf verlässt, dass das journalistische Projekt sein Publikum finden wird. In dem Umfeld, in dem wir uns bewegen, muss Distribution und Reichweite in einem klaren Konzept von Anfang mitgedacht werden.“ So ist es schon verdienstvoll, wenn ein auf Interaktion mit jungen Politikinteressierten angelegter Kanal wie „Die da oben!“ mit dem Charisma von Abgeordneten für eine kritische Auseinandersetzung mit parlamentarischer Debattenkultur wirbt, die andernfalls an junge Leute nur schwer zu vermitteln ist.

„Telegram nicht den rechten Influencern überlassen“

Zwischendurch wird gern weiterempfohlen: Berichte von „Süddeutscher Zeitung“, „Zeit Online“, „Tagesschau.de“, „Spiegel Online“, „taz“, Deutschlandfunk zu den großen Themen dieser Zeit. Die Lektüretipps gibt es täglich über den Messenger Telegram, nicht etwa nur weil Whatsapp es Redaktionen nicht mehr erlaubt, große Verteiler zu bedienen. „Telegram kann mehr seriöse Politikberichterstattung vertragen“, meint Jan Schipmann. „Wir wollen rechten Influencern dort nicht das Feld überlassen.“ Innerhalb von einer Woche habe man den (RSS-)Kanal der Tagesschau bei Telegram überholt. Zugegeben fallen die Reichweiten der Nachrichtenanbieter hier deutlich bescheidener aus als anderswo – „Die da oben!“ hat knapp 860 Abonnenten, „tagesschau.de“ liegt aktuell bei ca. 110). Der kleinere Kreis dient allerdings als Entwicklungsfeld für einen intensiveren und exklusiveren Kontakt zu besonders loyalen Nutzer*innen, die aktiv Bedarf anmelden an weiterführenden Hintergrundinformationen, die über die Inhalte der Videos speziell auf dem YouTube-Channel hinausgehen.

Der Austausch mit dem Publikum ist meist konstruktiv, es gibt aber auch viel Geplänkel. Schon zu Zeiten von „Informr“ habe er regelmäßig Zuschriften erhalten, berichtet Schipmann, in der Regel über Direktnachrichten via Facebook Messenger und mittels Kommentaren bei YouTube, Facebook, Instagram. E-Mails sind dagegen nicht relevant. Direktnachrichten erreichen die Redaktionen meist dann, wenn Nutzer*innen Nachfragen stellen, es genau wissen wollen. Aber auch Dankbarkeit ist ein Thema und Ansporn: „Kids schreiben uns: ‚Geiles Video, das habe ich im Unterricht benutzt.‘“, freut sich Schipmann. „So erfüllen wir unseren klassischen Bildungsauftrag.“ Junge Leute bedankten sich gerne für Beiträge, von denen sie sich gut informiert fühlen, die sie inhaltlich weiterbringen – ein Labsal für die redaktionelle Seele. Hin und wieder darf das Publikum auch abstimmen: über das nächste Best-Of-Video für die Sommerpause zum Beispiel.

Dabei soll penibel auf eine ausgeglichene Auswahl aller im Parlament vertretenen Fraktionen geachtet werden. Der Anspruch ist im Detail schwer durchzuhalten. Schnell kann sich eine Redaktion dabei in der Auszählung von Redezeiten der Parteien verheddern. So genau kann sie es damit auch nicht halten: Es werde sich aber darum bemüht, Ausgeglichenheit herzustellen. „Bei jeder Debatte, die wir behandeln, sollen die Positionen der verschiedenen Fraktionen deutlich werden. Dazu muss aus jeder Fraktion mindestens ein Politiker vorkommen. Wenn aber jemand ein Feuerwerk in der Debatte abgeliefert hat, dann kann es schon sein, dass diese Person mit etwas größerem Redeanteil dabei ist. Wir würden aber niemals drei Videos hintereinander veröffentlichen mit Auftritten ein und desselben Politikers. Darauf achten wir auch video-übergreifend“, sagt Schipmann.

Vollständig und ausgeglichen, so gut es geht

Mit Hass und Hetze wird die Redaktion nur selten attackiert, allenfalls muss sie auf Diskurshygiene achten, wenn die politischen Akteure und Themen in ihren Videos Ziel solcher Angriffe werden und der Ton einzelner Nutzer*innen entgleist. Wiederkehrend sind auch Rechtfertigungen nötig, weshalb auch Redebeiträge von Abgeordneten der AfD aufgegriffen werden. Schipmann stellt fest: „Wir sind natürlich als öffentlich-rechtliches Format in der Position, jede Partei abzubilden. Wir wollen Demokratie und Demokratieverständnis fördern. Und solange die AfD nicht vom Verfassungsschutz verboten wird, wird sie auch bei uns vorkommen. Das ist unser Programmauftrag. Natürlich gibt es auch einen Ermessensspielraum, etwas nicht abzubilden wie zum Beispiel, wenn jemand volksverhetzende Dinge im Parlament sagt. Es bleibt aber ein Spagat; denn viele meinen, wir sollten der AfD keine Bühne geben. Journalismus ist aber kein Wünsch-dir-was, sondern wir haben es mit Parlamenten in der Vielfalt ihrer Fraktionen zu tun. Wer da den Blick einschränken würde auf einige ausgewählte Fraktionen, würde meiner Ansicht nach damit nur Politikverdrossenheit fördern.“

Wenn einzelne Videos zu bestimmten Reizthemen und -figuren die „Bubble“ der jungen Zielgruppe durchstößen und die Beiträge auch in geschlossenen „Wutbürger-Gruppen“ geteilt würden, zeigt sich für Schipmann indes die Kehrseite der Sharing-Culture. Dann schlage der Pegel schnell einmal aus, und die Kritik treffe auch die Redaktion: „Wir wurden schon als Altright bezeichnet, aber auch als Antifa-Kanal. Mein Favorit bis heute ist der Vorwurf, wir seien ein schwarz-grüner Propagandakanal.“ Bei Kritik aus gegensätzlichen Lagern fühlt sich Schipmann letztlich in seinem Anliegen bestätigt, seinen Informationsauftrag überparteilich wahrzunehmen.

Gravierender scheint sich die demographische Entwicklung auszuwirken: Der Instagram-Kanal von „Die da oben!“ wächst, aber langsam. Die Plattform für visuelle Inhalte erfährt erst nach und nach ein politisches Frühlingserwachen, vor allem durch junge bzw. jugendliche soziale Bewegungen wie Fridays for Future. Über den „Funk“-Hub auf Instagram erreichen „Die da oben!“-Videos steigende Abrufzahlen. Dennoch ist das (Anspruchs-)Potenzial noch nicht ausgeschöpft: „Instagram ist für uns enorm wichtig. Auf Instagram sind deutlich jüngere Menschen unterwegs, und das Diskussionsklima ist häufig konstruktiver und angenehmer als bei Facebook“, sagt Jan Schipmann. „Außerdem gibt es sehr viele verschiedene Content-Typen, die uns eine sehr abwechslungsreiche Berichterstattung erlaubt. Pic Post, Feed-Video, IGTV, Story, Reel, Live – wir können so für jedes Thema die für uns passende Herangehensweise wählen.“ So wichtig Facebook noch in der redaktionellen Distributionsstrategie von „Die da oben!“ ist, wird die Nutzerschaft auf der Plattform im Schnitt immer älter. Instagram wird deshalb immer stärker zur Lebensader für junge Nachrichtenformate. Die Altersverschiebung innerhalb des Publikums hat bereits einem anderen, zudem preisgekrönten „Funk“-Format den Garaus gemacht: „Jäger und Sammler“ wurde Ende 2019 eingestellt. Andere hochgelobte Formate wie „Softie“ (bis 2019) oder „Karakaya Talk“ (bis 2020) wurden nach kurzer Zeit ebenfalls überraschend beendet, weil sich Relevanzkriterien in dem volatilen Segment der jungen Nachrichten- und Unterhaltungsangebote einem steten Aushandlungsprozess befinden.

Stillstand ist keine Option

So wird sich auch „Die da oben!“ weiterentwickeln müssen, in der Art und Weise, wie der Blick in und auf die Parlamente geworfen wird, wie der Umgang mit politischer Debatte vermittelt wird, und wie Themen ausgewählt werden: Es gelte, „sich von verschwurbelter Sprache abzusetzen, die aus meiner Sicht immer noch das größte Hindernis darstellt, um Politik an eine breite Masse zu kommunizieren, weil viele Menschen gar nicht verstehen, worum es bei den politischen Themen geht“, sagt Jan Schipmann. Er wolle noch mehr junge Menschen inspirieren, sich für Politik zu interessieren und sich zu engagieren. Humor ist dabei ganz offensichtlich – auch für die so wichtige unaufdringliche Kurzweiligkeit – ein wichtiger Faktor.

Er halte weiterhin die Augen auf: Was fehlt im Politikjournalismus? Wo gibt es Leerstellen, wo werden junge Leute gelangweilt oder vergrault? Inspirationen müssen fließen, zugleich müssen die Abhängigkeiten von Plattformalgorithmen wachsam begleitet werden, die darüber entscheiden, wie die eigenen Inhalte ausgespielt werden. Schipmann empfindet den Kreativdruck als sportliche Herausforderung: Wenn man sich von den Zwängen nicht freimachen kann, muss man ihnen umgehen.

Ein Risiko, dass das Content-Netzwerk für „Die da oben!“ den Stecker zieht, sieht Jan Schipmann aktuell nicht. Gleichwohl beobachtet er aufmerksam die Produktentwicklung der Plattformkonzerne, die Releases neuer Features und Trends in der Mediennutzung. Was weiterhin zähle, seien Inhalte, gibt Schipmann programmatisch aus. Manche Formate seien irgendwann einfach auserzählt. Dass dann ein Schlussstrich gezogen werde, sei nachvollziehbar. Bei „Funk“ würden solche Entscheidungen in der Regel auch transparent kommuniziert. Als Produktionsfirma stehe es einem stets frei, eine neue Idee vorzustellen. Schließlich solle man, mein Schipmann, in diesem Geschäft permanent daran arbeiten, sich neu zu erfinden: „Wenn ich jahrelang immer das gleiche machen würde, wäre ich echt gelangweilt. Innerhalb unseres medialen Feldes gibt es so viele Art und Weisen, Geschichten zu erzählen und Informationen zu vermitteln, um politische Bildung zu betreiben.“

Mehr Trendreport vom VOCER Millennial Lab:

The Doe – Honest. Verified. Anonymous.

„Civil discourse is broken. We’re here to change that“ – Mit der Aussage, dass der gesellschaftliche Diskurs kaputt sei und sie das ändern möchten, hat der Gründer von „The Doe“ den Grundstein gelegt. Milan Kordestani hat sein Projekt mit zwei unterschiedlichen Zielen gestartet: Zum einen möchte er die Denkweise der Menschen herausfordern und zum anderen gibt es jeden Monat Geschichten aus verifizierten, anonymen Quellen – von Menschen, die eine Geschichte zu erzählen haben.

Im Rahmen seines Trendreportings betreibt das VOCER Millennial Lab ein kontinuierliches weltweites Monitoring von innovativen Nachrichtenangeboten für junge Zielgruppen. Die Reihe Millennial Medium des Monats stellt Best Practice-Beispiele aus dem In- und Ausland vor.

Der Artikel „We Had 48 Hours: How Teachers Transformed the Education System Over a Weekend“, der den Grundgedanken von „The Doe“ besonders anschaulich erklärt, handelt von einer Lehrerin, die nach Verkündung des Lockdowns 48 Stunden Zeit hatte, um ein digitales Pendant zum bisherigen Unterricht zu entwickeln – am Freitag kam die Ansage, die Lehrer*innen sollen den Inhalt der jeweiligen Schulstunden für den digitalen Unterricht vorbereiten und am Montag wurde bereits online unterrichtet. Und während sie zu Beginn tatsächlich die Konzepte, die sie für den Schultag vorbereitet hatte, lediglich auf den Online-Unterricht übertrug, merkte sie schnell, dass das nicht funktioniert. Sie schreibt, von außen würde es vielleicht so aussehen, als hätten sie nur ein Problem zu lösen gehabt – wie man online unterrichtet.

Dabei ging es vielmehr darum, wie man auf Schüler*innen eingeht, die beispielsweise spezielle pädagogische Betreuung im Unterricht benötigen. Oder wie man mit Schüler*innen umgeht, die psychische Probleme haben. Umgekehrt ging es auch darum, wie Lehrer*innen mit gesundheitlichen Problemen oder Kindern mit der Situation umgehen können.

Das Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, auch die zu Wort kommen zu lassen, die zwar keine eigene Plattform haben, jedoch relevante Einblicke gewähren können, um Situationen besser zu verstehen.

In dem Artikel „I’m a Ballerina and I Use Alcohol as a Coping Mechanism“ erzählt etwa eine Ballerina von ihrem Traumberuf, allerdings auch von der Besessenheit davon, immer besser zu werden und ihrem daraus resultierenden Alkoholproblem, das sie nach vielen Jahren des Tanzens als Erwachsene entwickelte. Sie bricht mit dem von außen vermeintlich perfektem Bild der Ballerina. Ebenso spricht in „What It Was Like Being a Stripper“ eine ehemalige Stripperin von den Anfängen ihrer Karriere und davon, wie sie am Ende einer neunstündigen Schicht ohne nennenswertes Einkommen zuhause ankommt.

Die Idee für „The Doe“ entstand aus einem persönlichen Bedürfnis heraus

Es sind solche Geschichten, die Blicke hinter die Kulissen gewähren und persönliche, echte Meinungen enthalten. „Wir leben in einer interessanten Zeit. Denn abgesehen davon, dass es eine Vielzahl an Medien gibt, herrscht gleichzeitig wenig Vertrauen in die Medien. Die Menschen sind müde davon, immer die gleichen Geschichten zu hören und haben gleichzeitig das Gefühl, dass ihre eigene Stimme nicht gehört wird.“, erklärt Gründer Milan Kordestani.

The Doe - Logo

Name: The Doe
Sitz: kein Office, die Redaktion arbeitet hauptsächlich von Colorado und Kalifornien aus
Website: thedoe.com
Gründung: Launch war am 1. Juni 2020
Gründer: Milan Kordestani
Teamgröße: 3
Follower/Abrufe:
Instagram > 195k
Twitter > 50k
Facebook > 1,7k

(Stand: August 2020)

Der 19-Jährige Kordestani hat bereits als Teenager für die „Huffington Post“ geschrieben. Eine Leidenschaft für das Schreiben hatte er laut eigener Aussage schon immer, doch erst als er etwas veröffentlichen konnte, hatte er das Gefühl, dass er etwas zu sagen und dies wiederum auch Gewicht habe. Als die Redaktion geschlossen wurde, verlor er nicht nur eine für ihn als Autor relevante Plattform, sondern hat ohnehin eine Zeitlang nicht geschrieben. Nach dieser Pause verfasste er nach eigenen Angaben eher Erzählungen und Kommentare anstatt journalistischer Artikel. Viele von ihnen waren sehr persönlich, andere wiederum provozierend – aus beiden Gründen wollte er sie anonym veröffentlichen. „Als ich kein Medium finden konnte, wo das möglich war, war ich zwar enttäuscht, aber auch begeistert von der Möglichkeit, das selbst aufzubauen.“, sagt Milan Kordestani.

Es kann von Vorteil sein kann, anonym zu veröffentlichen

Wie realistisch ist es, vollkommen unvoreingenommen eine Geschichte zu hören? Durch die eigene Sozialisation stecken wir Menschen in Schubladen oder verurteilen sie. Milan Kordestani stellt die Fragen, die man sich selbst wohl bei einer neuen Begegnung stellen würde – sei es bewusst oder unbewusst: „Ist unser Gegenüber liberal oder konservativ? Arm oder wohlhabend? Zählt die Meinung gleich viel, auch wenn sie oder er nicht aufs College gegangen sind? Ist es wichtig, ob das College nicht zur Elite gehört?“ Für ihn entsteht durch diese Fragen ein Bruch im gesellschaftlichen Diskurs. Durch Social Media wurde es zwar möglich, weltweit mit Menschen zu kommunizieren, dabei ist man allerdings niemals losgelöst von den eigenen Vorurteilen. Wir sehen Menschen und bewerten sie – bei „The Doe“ wird unter Pseudonym geschrieben und nicht kenntlich gemacht, wie alt die schreibende Person zum Beispiel ist oder woher sie kommt.

Die Idee des anonymen Veröffentlichens mag kein grundlegend neuer Ansatz sein, entspricht historisch gesehen jedoch nicht der Motivation von vielen amerikanischen Unternehmen, vor allem nicht der von Medienunternehmen. Für Milan Kordestani setzen die meisten Fernsehsender, Magazine und Websites hauptsächlich auf Ruhm, Gesichter und Persönlichkeiten, um ihre Medien zu pushen. Deshalb wollte er mit „The Doe“ diese Lücke schließen und hat die gegenteilige Haltung angenommen. Der offizielle Launch der Website war am 1. Juni 2020, das Angebot erreicht laut eigener Angabe (Stand: Juli 2020) aktuell etwa 16.000 Menschen, die Leser*innen gehören hauptsächlich zu den Millennials und sind zu 70 Prozent zwischen 18 und 34 Jahre alt.

Trotz Anonymität gibt es immer einen gemeinsamen Nenner

Da alle Geschichten anonym veröffentlicht werden, werden sie durch einen monatlichen Themenfokus auf einen gemeinsamen Nenner gebracht beziehungsweise eingeordnet. Es gibt unterschiedliche Themenbereiche wie Umwelt, Mental Health und Liebe, die als eine Art Grundgerüst für die Plattform fungieren. Gleichzeitig gibt es jeden Monat ein Überthema, das den Rahmen für die Auswahl der Inhalte schafft. Für die nächsten Monate sind beispielsweise Bildung, Gerechtigkeit, Politik, Popkultur oder Wissenschaft und Tech geplant. Insgesamt garantiert die Redaktion pro Monat elf Geschichten, es werden allerdings eher zwischen 30 und 40 Stück werden, meint Milan Kordestani. Zu Beginn musste die Redaktion auf potenzielle Autor*innen zugehen und sie gezielt suchen, das hat sich inzwischen geändert: Pro Monat erhält die Redaktion etwa 50 oder 60 Pitches.

In Zeiten von Fake News und Self Publishing hat es sich die Redaktion nicht nur zur Aufgabe gemacht, Geschichten zu veröffentlichen, sondern vor allem zu verifizieren. Nachdem sie eine gute Story erhalten haben und diese teilen möchten, beginnen sie zu recherchieren. Sie sprechen nicht nur persönlich mit der Person, sondern lassen sich Gegebenheiten beispielsweise durch Dokumente bestätigen und recherchieren auch zur Person selbst. Ist die Geschichte geprüft, beginnen die Redakteur*innen mit der schreibenden Person am Text zu arbeiten oder interviewen sie, um im klassischen Fragen-Antwort-Stil zu erzählen.

Andere Geschichten werden genau umgekehrt produziert. Zunächst ist das die Idee und es wird nach Menschen gesucht, die darüber sprechen möchten. Auch hier wird alles überprüft und verifiziert.

Anonyme Einblicke in die redaktionelle Arbeit gewährt die Redaktion mit einem Instagram-Post, in dem Autor*innen oder Geschichtenerzähler*innen als Testimonials ihre Erfahrung mit der Zusammenarbeit mit „The Doe“ teilen. So schreibt „Countrycitygirl“, „The Doe“ wäre zweifelsohne die beste Publikation, mit der man arbeiten könne. „Logophile“ sagt, dass es großartig sei, für The Doe zu schreiben. Er oder sie liebt die Möglichkeit, so offen über persönliche und kontroverse Erfahrungen zu schreiben, ohne Angst vor starken Gegenreaktionen haben zu müssen.

Obwohl sich alle Schreibenden und Erzählenden ohnehin schon bewusst mit dem Thema und natürlich ihrer persönlichen Geschichte auseinandersetzen, sollen sie es auch immer möglichst kontrovers und nochmal aus mehreren Blickwinkeln betrachten. Dadurch hat sich eine sehr erfolgreiche Publikationsstrategie ergeben: Das Veröffentlichen von zwei Narrativen mit komplett gegensätzlichen Meinungen zum selben Thema. Zusätzlich dazu werden die Leser*innen nach ihrer Meinung gefragt und zur Diskussion gebeten.

„The Doe“ setzt auf zwei unterschiedliche Möglichkeiten der Monetarisierung

Für den Gründer war von Anfang an klar, dass auf „The Doe“ keine Werbung geschalten wird, da es nicht nur den Lesefluss unterbrechen würde, sondern auch nicht sehr authentisch wäre. Stattdessen wird auf zwei Möglichkeiten der Monetarisierung gesetzt:

  1. Zum einen das „Pay what you want“-Abonnement. Der Gedanke dahinter war, dass jede*r durch unterschiedliche sozioökonomische Hintergründe beeinflusst wird und dennoch alle den Zugang zu den Stories haben sollen. Deshalb bezahlen die Leser*innen so viel wie sie können. Das kann ein Dollar oder können hundert Dollar im Monat sein, alle können nach ihren eigenen Möglichkeiten etwas dazugeben.
  2. Zum anderen gibt es Merchandise, was für Medien eine eher unübliche Einnahmequelle ist. „Wir haben eine Modekollektion entworfen, die unsere Mission unterstützt. Jedes Kleidungsstück ist an eines unserer monatlichen Themen geknüpft. Man hat damit also nicht nur ein modernes Piece in guter Qualität, sondern erzählt auch eine Geschichte und kann dadurch eine Konversation starten.“, erklärt der Kordestani.

„The Doe“ verdienst allerdings nicht nur Geld, sondern spendet seit Kurzem auch. So werden jeden Monat entsprechend des Themas vier Organisationen ausgesucht, die das Projekt finanziell unterstützt. Die Leser*innen können darüber abstimmen, wem wieviel Geld gespendet wird. Die meist gewählte Organisation erhält 800 US-Dollar, die anderen gestaffelt 600, 400 und 200 US-Dollar.

Für Milan Kordestani ist Innovation das Wichtigste

Die Medienwelt hat sich verändert. Unter dem von der Digitalisierung geprägten Umstieg von gedruckten Zeitungen und traditionellen Medien haben viele gelitten. Die großen Publikationen waren gezwungen, Paywalls zu errichten, um Geld zu verdienen. Andere wiederum mussten schließen. Für den Gründer ist die Lösung simpel: Jede*r ist gezwungen, innovativ zu bleiben, um sich zu bestehen.

Sein Ziel mit „The Doe“ ist es, dass die Stories länger als 20 Sekunden gesehen beziehungsweise gelesen werden und im Gedächtnis bleiben. Die Leute sollen miteinander sprechen und Gemeinsamkeiten finden, es soll ein generationsübergreifender Dialog geschaffen werden. „The Doe“ entwickelt sich ständig weiter und möchte die Grenzen des klassischen Journalismus überschreiten. „Alles, was wir als Unternehmen tun, ist daran gekoppelt, den gesellschaftlichen Diskurs weiterzuentwickeln.“, sagt Milan Kordestani.

„The Doe“ traut sich, anders zu sein und anders zu veröffentlichen

Obwohl das junge Medium noch nicht lange online ist, verzeichnet es ein enormes Wachstum, was beim Blick auf die Follower in Social-Media-Netzwerken wie Instagram deutlich wird. Innerhalb weniger Wochen ist die Zahl um ein Dreifaches gewachsen und auf der Homepage selbst wurden immer mehr Artikel veröffentlicht.

Zwar sind Meinungen und Anonymität generell auf den ersten Blick nicht immer fundiert oder glaubwürdig, dennoch spielt beides in einer gesellschaftlichen Diskussion eine wichtige Rolle. Und „The Doe“ schafft eine Symbiose aus beidem. Sie veröffentlichen gut recherchierte Artikel zu Themen, zu denen wohl alle Leser*innen etwas zu sagen haben – allerdings werden genau diese Denkweisen durch die persönlichen Erfahrungen und Meinungen der Autor*innen hinterfragt und teilweise auch widerlegt. Wer weiß schon wirklich, wie es hinter den Kulissen der Schule aussah, wie schnell alles gehen musste oder worauf man beim Online-Unterricht achten muss? Erst durch den Artikel, in dem die 48 Stunden und die Anfänge des digitalen Schulalltags geschildert wurden, bekommt man ein Gefühl dafür.

Anmerkung: Wir hätten dieses Porträt gerne in ausgewählten Aspekten vertieft. Leider war Milan Kordestani nicht dazu bereit, weitergehende Fragen zu beantworten.

Mehr Trendreport vom VOCER Millennial Lab:

Inshorts – „News in 60 words“

Es ist eine dieser vermeintlich typischen Start-up-Geschichten: Drei Kommilitonen einer technischen Elite-Universität ärgern sich über das unübersichtliche Tohuwabohu der digitalen Nachrichtenangebote in ihrem Land und entwickeln eine App.

Im Rahmen seines Trendreportings betreibt das VOCER Millennial Lab ein kontinuierliches weltweites Monitoring von innovativen Nachrichtenangeboten für junge Zielgruppen. Die Reihe Millennial Medium des Monats stellt Best Practice-Beispiele aus dem In- und Ausland vor.

Entscheidendes Alleinstellungsmerkmal: Artikel unterschiedlicher Anbieter werden in aller Kürze in maximal 60 Worten zusammenfasst und mit der originalen Langversion verlinkt.

In fünf Finanzierungsrunden sammeln sie über 24 Millionen US-Dollar an Investitionsmitteln ein. Nach mittlerweile sieben Jahren ist „Inshorts“ eine der meistgenutzten Nachrichten-Apps Indiens und expandiert nach Europa. Zudem bricht der erst Ende 2019 gestartete Ableger „Public“ als Stand-alone-App mit Fokus auf nutzergenerierte hyperlokale Videoinhalte in Indiens Mittelstädten (100.000 bis 150.000 Einwohner) alle Rekorde.

Auf den führenden Social-Media-Plattformen ist der manuell kuratierte Newsaggregator zwar präsent, Dreh- und Angelpunkt von „Inshorts“ sind aber die App und die eigene Website: Aktuell gibt es 16 Rubriken – von nationaler Berichterstattung, Wirtschaft, Politik, Sport und Technologie über Startups, Entertainment und Bildung bis zu Internationalem, Auto, Wissenschaft, Reisen, Mode und Themen jenseits des Mainstreams.

Für seine Kuratierung zur nationalen Berichterstattung über die Corona-Pandemie wurde „Inshorts“ von Google als eine von drei Apps empfohlen, um mit Blick auf Indien auf dem neuesten Stand zu bleiben.

Die wesentlichen Merkmale der App:

  • Die kurzen Zusammenfassungen externer Nachrichteninhalte von aktuell über 70 Anbietern werden von einem 80-köpfigen Redaktionsteam manuell erstellt.
  • Kuratiert werden nur klassische Nachrichten, keine Meinungsbeiträge, zusammengestellt als sogenannte Story-Cards, die einen schnellen Überblick über die Themenlage geben.
  • Der Aggregator entwirft sich offensiv politisch unabhängig als Gegenentwurf zu einigen publizistischen Flaggschiffen des Landes, die mit klaren Festlegungen auf eine politische Agenda ihr Stammpublikum zu binden versuchen.
  • Die Bedienung der App folgt den bekannten Navigationsmustern von Social-Media-Feeds per Wisch nach links (zurück), rechts (mehr lesen), unten (nächste Zusammenfassung) und oben (Feed aktualisieren).
  • Die App ist ohne Umstände sofort ohne Anmeldung nutzbar.
  • Werbung ist unaufdringlich in den Feed integriert und kann weitergewischt werden wie die Zusammenfassungen der Nachrichtenbeiträge.

Mitbegründer und Chefstratege Deepit Purkayastha formuliert den Anspruch an die App damit, dass Nutzer*innen in zehn Minuten ihrer täglichen Medienzeit übersichtlich und schnell eine Auswahl an Nachrichten erhalten sollen, die sich aus ihren Themeninteressen und der manuellen Kuratierung der Redaktion ergeben: „Wer will schon jeden Tag aufs Neue aufwändig auswählen, wie man sich informieren möchte?“, meint der Mittzwanziger. Neben Nutzungskomfort und möglichst niedrigschwelliger Einstiegshürden steht der Anspruch nach verlässlicher Quellenprüfung: Laut Purkayastha beschäftigt sich ein Großteil des Personals mit der Verifikation der kuratierten Artikel mittels vier bis fünf weiterer Quellen, bevor eine Zusammenfassung veröffentlicht wird.

Name: Inshorts Medialabs Private limited
Sitz: 4th Floor, Plot No. 1, Film City (Sec-16A), Noida, Uttar Pradesh-201301, Indien
Website: inshorts.com
Gründung: 2013
Gründer: Azhar Iqubal (CEO), Deepit Purkayastha (Chief Strategy Officer), Anunay Pandey (Director)
Teamgröße: ca. 80
Follower/Abrufe:
Facebook > 1 Mio.
Instagram > 150k
Twitter > 70k
LinkedIn >52k
Website: 5 Mio. monthly active users
App-Downloads > 26 Mio. (Apple AppStore und Google Playstore)

(Stand: Mai 2020)

Kooperation als Schlüssel zum Erfolg

Der anhaltende Erfolg des mittlerweile als Grown-up operierenden Medienunternehmens fußt auch auf der funktionierenden Beziehung zu einer wachsenden Zahl an Medienpartnern, die einen Vorteil darin sehen, dass ihre Nachrichteninhalte in der populären App geteasert werden; denn Nutzer*innen werden – sofern sie mehr erfahren möchten – stets zum Originalbeitrag auf die Website des jeweiligen Medienpartners gelenkt. Die Mehrzahl der Kooperationspartner berechnet „Inshorts“, ähnlich eines Leistungsschutzrechts für Presseverleger, aber keine Gebühren. Nur einige der größeren Medienhäuser verlangen eine Minimum-Garantie an Weiterleitungen, die bislang aber nach Redaktionsangaben nicht unterschritten wurde.

Das Durchschnittsalter der indischen Bevölkerung liegt bei etwa 28 Jahren (zum Vergleich: die deutsche Bevölkerung ist im Schnitt Mitte 40). Der Markt für Millennial-Medien ist entsprechend groß. „Inshorts“ profitiert dabei von dem Bedürfnis nach einer kompakt aufbereitender Nachrichtenauswahl der besser situierten Teile der jungen Bevölkerung, die sich in immer stärkerem Maße unter beruflichem Leistungsdruck wähnt und zunehmend mobil lebt.

Auf die Idee zu einer simplen und direkten Nachrichten-App, die zu allen Interessensbereichen etwas zu bieten hat, dennoch klar strukturiert bleibt und bei Bedarf effizient Optionen zur Vertiefung bietet, kamen die drei Gründer Azhar Iqubal, Deepit Purkayastha und Anunay Pandey im Jahr 2013 – damals alle Anfang 20 – durch Wikipedia. Sie sahen in der Nachrichtenverdrossenheit ihrer Mitstudierenden an den Top-Unis des Landes eine Chance: Gelesen wurde in ihrer Alterskohorte viel, schließlich ging und geht es nach dem Schulabschluss um einen soliden Ausbildungsweg und große Karrieren. Für Nachrichten blieb für viele Altersgenossen keine Zeit. Die etablierten Medienorganisationen zeigten sich weitgehend unangepasst an die veränderte Mediennutzung der immer jünger werdenden Bevölkerung. Aktuelle Informationen zu kuratieren, und zwar nicht mit (unausgereiften) Automatisierungstechniken, sondern von (jungen) Menschen, erschien reizvoll. Sie legten im März 2013 noch während ihrer Studienzeit am Indian Institute of Technology (IIT) eine Facebook-Fanpage mit dem Namen „News in shorts“ an und sammelten innerhalb weniger Monate tausende Likes – es sollte zügig weitergehen.

Seine Sporen verdiente sich das Trio direkt nach dem Studienabschluss im Inkubator TLABS der „Times Internet“, ihr erster Investor. Sie hätten viel gelernt in dieser Zeit unter dem Dach der großen Zeitungsgruppe Bennett Coleman and Company Limited (BCCL), auch bekannt als „The Times Group“: von den Strukturen, Strategien, aber auch Nöten des Nachrichtengeschäfts in Zeiten tiefgreifenden medialen Wandels. Heute arbeitet ein 80-köpfiges Team für „Inshorts“, technische Prozesse kommen unterstützend zum Einsatz, sind aber prinzipiell zweitrangig. Insofern mutet die Redaktionskultur des jungen Medienhauses beinah konventionell an: Der Editor entscheidet, nicht der Computer, auch bei personalisierten Notifications, die für „Inshorts“ ein wichtiges Element der Nutzerbindung sind. Hier entscheiden Journalist*innen, für welche Zusammenfassung ein thematischer oder regionaler Hinweis an die Nutzer*innen Sinn macht.

Jung, mobil, unter Druck

Die Zielgruppe ist mit 20- bis 40-Jährigen auf Millennials und ältere Angehörige der Generation Z Millennials fokussiert. Nach Redaktionsangaben zeigt jedoch die Erfahrung, dass auch weitaus ältere Nutzer im Alter zwischen 40 und 60 Jahren App und Website in steigendem Maße nutzen. Für Jugendliche hingegen sei das Angebot weniger attraktiv. Deepit Purkayastha glaubt, dass Teenager mehr an kurzen Videoinhalten interessiert sind, weniger an Textbeiträgen. Genau weiß er es allerdings nicht: Schließlich positioniert sich das  Unternehmen demonstrativ gegen die Datensammelwut der Medienindustrie und gegen aufdringliche Abo-Angebote. „Wir bitten unsere Nutzer*innen nicht um persönliche Daten, die sie identifizieren könnten. Wir registrieren aber ihre Nutzungsmuster, ohne Schlüsse auf die Person ziehen zu können“, sagt der Chief Strategy Officer. Der einzige Hinweis auf die nutzende Person sei die Identifikationsnummer des jeweiligen Endgerätes. Unter jeder Zusammenfassung eines Beitrags gibt es in der App die Möglichkeit, Themeninteressen über eine Relevanzampel anzugeben: „All Stories“, „Major Stories“ oder „No Stories“. Hier seien die Nutzer*innen vor allem pragmatisch orientiert, sagt Purkayastha: Die meisten Nutzer sortieren aus und nutzen die rote Ausschlussfunktion, statt bestimmte Themeninteressen hervorzuheben. Das Team schließt daraus, dass die Mehrheit der Nutzer*innen genauer zu wissen meint, was sie nicht interessiert, als dass sich über ihre Interessen wirklich im Klaren sind.

„Wir sind ein Newsaggregator und keine Redaktion, die ihre Journalist*innen in alle Himmelsrichtungen aussendet. Deshalb war und ist es so wichtig für uns, die redaktionelle Seele am Leben zu halten“, sagt Deepit Purkayastha. Dadurch wolle man sich von anderen stärker technologiebasierten Mitbewerbern wie Toutiao (ByteDance, China) oder DailyHunt (India) unterscheiden: „Sie interessiert nicht der journalistische Kern ihres Angebotes, sondern sie basieren auf automatisierten Prozessen und sind deshalb anfällig für Fake News“, meint Purkayastha. Tatsächlich investieren die automatisierten Nachrichtenaggregatoren verstärkt darin, die Verbreitung von Falschnachrichten über ihre Plattformen zu unterbinden.

Journalistisches Sendungsbewusstsein als Triebkraft

So bedeutsam journalistische Expertise für die redaktionellen Abläufe von „Inshorts“ sind, brauchte das Unternehmen mehrere Jahre, um eine geradlinige Rekrutierungsstrategie zu entwickeln. Prägten in der Aufbauphase des Start-ups junge, aufstrebende, aber weithin unerfahrene Nachwuchskräfte das Team, das mit einem unklaren Fokus, einem zum Teil fehlenden Commitment und heterogenen persönlichen Ziele seiner Mitglieder haderte, konnten in der ersten längeren Wachstumsphase Journalismus- und weitere Medienstudierende für den weiteren Ausbau der Redaktion gewonnen werden. Mit stärkerer Marktpräsenz sind mittlerweile auch junge, aber bereits erfahrene und von anderen Nachrichtenanbietern abgeworbene Journalist*innen für „Inshorts“ tätig – ein Zeichen, dass der einstmalige Newcomer als etablierter Akteur und Arbeitgeber im journalistischen Feld anerkannt sein dürfte.

Die Redaktionsstruktur gliedert sich in eine übergreifend verantwortliche Group Editor für die beiden Apps „Inshorts“ und „Public“. Ihr untersteht jeweils ein Managing Editor für die beiden Angebote, jeweils assistiert von einem Chief Content Analyst mit Fokus auf Datenauswertungen, um die Technologie- und Produktentwicklung mit redaktioneller Perspektive zu verbinden. In der „Inshorts“-Redaktion gibt es für die verschiedenen Rubriken jeweils eine Ressortleitung, die sogenannten Senior Beat Heads. Etablierte Redakteure (Editors) kuratieren und betreuen die Benachrichtigungen (Notifications) für einzelne Beiträge. Jeder Neuzugang in der Redaktion durchläuft eine Phase als Junior Staff (Sub-editor) und schreibt Zusammenfassungen („Copies“) der kuratierten Artikel. Um hier einen qualitativen Standard zu sichern, wurden Richtlinien erlassen, wie Nachrichtenbeiträge in einem strikt faktischen Format ohne jegliche Meinungstonalität oder stilistischen Kapriolen zusammengefasst werden sollen. In Zukunft soll hier aber auch verstärkt Künstliche Intelligenz zum Einsatz kommen und bei der Vorformulierung helfen.

Die wichtigste Distributionsplattform für das Unternehmen ist die „Inshorts“-App. Beworben wird die Marke aber vor allem über Facebook, wo „Inshorts“ über eine Million Nutzer*innen folgen. Auch Instagram werde hierfür immer wichtiger, sagt Deepit Purkayastha. Geteilt werden Inhalte aus der App hauptsächlich (zu etwa 70 Prozent) per WhatsApp, ein Potenzial, dass Chefstratege Purkayastha nicht ungenutzt lassen möchte: „Millennials wollen ihre Meinungen auf eine Art und Weise teilen, die einen Unterschied macht.“ Deshalb setze die Redaktion nun vermehrt auf die ergänzende Veröffentlichung von Umfragen, Quizzes und interaktive Inhalte. Audience Engagement im Sinne der Nutzerpartizipation sei einer der wichtigsten Entwicklungsbereiche für „Inshorts“. Gezielt entwickelt werden sollen zwei Pfade:

  1. Abweichend von der Regel soll es weiterhin keine ausgreifenden Kommentarbereiche in der App und auf der Website geben, da bei öffentlichen Nutzerkommentaren die Gefahr von Instrumentalisierung für Hassbotschaften, Trolling und andere Formen der Inzivilität bestehe. In Zukunft solle es die Möglichkeit privater Kommentare geben: Im Fokus stehen hier intime Kreise (Familienmitglieder, engste Freunde und Arbeitskolleg*innen) von nicht mehr als zehn bis 15 Personen, deren Meinung persönlich als besonders wichtig geschätzt wird und mit denen Nutzer*innen ihre Haltung und Werte teilen möchten, ohne Angriffe oder moralische Verurteilungen fürchten zu müssen. Dazu soll das Prinzip des geschützten Diskussionserlebens von WhatsApp in die App integriert werden, indem beispielsweise beim Teilen einer Zusammenfassung ähnliche oder zugehörige Beiträge zum Weiterlesen empfohlen werden.
  2. Darüber hinaus sollen vermehrt Influencer aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft pointiert mit Statements in der App erscheinen, um darüber das Publikum weiter zu aktivieren. Dies stehe nicht im Widerspruch zu dem selbst auferlegten Gebot der journalistischen Sachlichkeit und Neutralität: Deepit Purkayastha verspricht sich ein hohes Mobilisierungspotenzial unter den Nutzer*innen davon, Prominente einzuladen, sich mit ihren mehr oder weniger streitbaren Ansichten in der App als Meinungsmacher zu positionieren. Die Herausforderung liege in der Ausgewogenheit der redaktionellen Auswahl. Es sei freilich nicht das Ziel, Statements beispielsweise von nur einer Seite des politischen Spektrums zu bevorzugen.

Insgesamt aber tue sich das Unternehmen schwer damit, neue Features zu integrieren: „Wir sind dahingehend recht konservativ und eher zurückhaltend“, sagt Purkayastha. Er sehe „Inshorts” auch in weiter Zukunft nicht als sogenannte Super-App, die ähnlich wie „WeChat“ eine Vielzahl von Funktionen und Dienstleistungen integriert. „Dafür haben Nachrichtenorganisationen einen vergleichsweise schlechten Stand, weil die Größe der Nutzerbasis für bestimmte Dienstleistungen wie Bankgeschäfte viel weitreichendere Dimensionen hat.“ Deshalb seien Anbieter aus bestimmten Dienstleistungssektoren dahingehend viel besser aufgestellt.

Erlösstrategien und Expansionsprojekte

Erlöse erzielt “Inshorts” durch klassische Werbung, die sich möglichst nahtlos in das redaktionelle Angebot einfügt: verschiedene Formate wie Fact Cards, die wie die Zusammenfassung eines Artikels anmuten, vertikale Vollbild-Videos, kurze sogenannte Bumper-Videos bis hin zu in sich geschlossenen digitalen Magazinen innerhalb der App, die ein Produkt bewerben. Das Werbekonzept folgt dem Appeal von Native Advertising. Hier schöpft „Inshorts“ aus dem Vollen seiner Reichweiten auf dem indischen Medienmarkt. „Nachrichtenprodukte haben an sich kein starkes Wettbewerbsumfeld“, meint Deepit Purkayastha. Dennoch sehe er weiterhin eine der größten Herausforderungen auch für die eigenen Angebote darin, nachwachsende Generationen zur Nachrichtennutzung zu bewegen. Entscheidend dabei seien die Fähigkeiten und Ideen von Redaktionen, Formen der digitalen Kommunikation und Informationsvermittlung innovative weiterzuentwickeln und mit den aktuellen Möglichkeiten digitaler Medientechnologie zu verbinden. Bevorzugte Nachrichtenquellen würden nicht häufig gewechselt. Und die Markenloyalität sei selbst bei Millennials sehr hoch, wenn sie denn erst einmal etabliert sei.

Logo von publicWährend die „Inshorts“-App gerade in Großbritannien Fuß fasst, hat das Unternehmen mit “Public“ eine eigene hyperlokale Social-Media-Plattform für urbane Regionen in Indien gestartet, um die „nächste Hälfte der Bevölkerung, die nach und nach das Internet für sich entdeckt, zu erreichen“, sagt Strategieentwickler Purkayastha. Diese App lässt Nutzer*innen selbst Videos aus ihren lokalen Lebensumgebungen hochladen und wächst deutlich schneller als „Inshorts“ Nachrichtenaggregator. Schon liegen die Nutzerzahlen mehr als doppelt so hoch. „Public“ richtet sich an Lokaljournalist*innen, aber auch an Politiker*innen und reguläre Nutzer*innen. Kuratiert wird hier nicht, es gibt keine Redaktion, alles ist fließend. Um sich vor der Verbreitung von Fake News zu schützen, werden keine anonymen Nutzerkonten für den Upload von Videos zugelassen. Wer etwas veröffentlichen möchte, muss ein Verfahren zur Verifikation durchlaufen. Journalist*innen laden ihren Presseausweis zur Prüfung durch das Unternehmen hoch, Politiker*innen ihre entsprechende ID. Auch muss eine existierende Telefonnummer angegeben werden. Bislang stimmt die Entwicklung optimistisch: Es scheint sich ein weithin selbstregulierendes Netzwerk aus engagierten Nutzer*innen und Journalist*innen zu entwickeln, die per Peer-Review die Spreu vom Weizen trennen – ähnlich wie bei Wikipedia.

Mehr Trendreport vom VOCER Millennial Lab:

Nachrichten ohne Mehrwert? Der Reuters Digital News Report 2020 zeigt, wie schwer es etablierte Nachrichtenanbieter bei jungen Zielgruppen haben

Wie kann ein Nachrichtenangebot für junge Erwachsene erfolgreich sein? Zu dieser Frage operiert seit einigen Jahren eine ganze Phalanx an sogenannten Millennial-Medien quasi am offenen Herzen der Zielgruppe; denn der Preis des Misserfolgs erscheint hoch: Von Buzzfeed über Funk bis ze.tt lancierte die digitale Medienbranche kunterbunte und meinungsstarke Angebote für junge Menschen zwischen 18 und 35 Jahren. Nun verkündeten Fachmedien am 10. Juni das geplante Aus für Bento, das im Jahr 2015 nassforsch wie hoffnungsfroh gestartete Lockangebot des Hamburger Spiegel-Verlags für junge Leute, um sich mit eigenständigem Namen und ohne Dünkel der traditionsreichen Muttermarke der Welt der Nachrichten zu nähern. Bento steht wahrscheinlich nicht am Ende einer schon recht langen Reihe an gescheiterten Millennial-Medien, denn Ablegern wie BYou von Bild oder BNow von Bunte sowie der deutschen Huffington Post kriselt es auch stark bei Buzzfeed und Vice, den einstmals verrufenen wie bewunderten Enfant Terribles des Nachrichtensektors.

Das Logo des VOCER Millennial Labs

Beim Trendreporting des VOCER Millennial Labs recherchieren und analysieren wir den Markt der Medienangebote, die sich an Millennials richten, fassen relevante Studien zusammen und geben internationale Einblicke in den Journalismus für neue Zielgruppen. In diesem Beitrag beleuchten wir die relevanten Ergebnisse des Reuters Digital News Report 2020.

Die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers kommt in einer vor wenigen Tagen veröffentlichten Marktstudie zum Konsumverhalten von 18- bis 24-Jährigen über die „Generation Z“ zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit junger Leute Gesundheits- oder Fitness-Apps auf ihren Smartphones installiert haben und nachhaltig orientiert sind, wenn sie es sich leisten können. Eine weitere Erkenntnis: Was im Medienbereich nicht on-demand und online zu haben ist, hat bei den meisten Menschen unter 24 keine Chance. Deutlich differenziertere Ergebnisse liefert der alljährliche Statusreport zur digitalen Nachrichtennutzung des Reuters Institute an der University of Oxford. Gerade sind die neuen Ergebnisse für Deutschland erschienen, die von Sascha Hölig und Uwe Hasebrink unter Mitarbeit von Julia Behre vom Leibniz Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut als Arbeitspapier veröffentlicht wurden. Sie offenbaren, dass junge Internetnutzer*innen keineswegs aversiv gegenüber Nachrichten sind. Dennoch ist die Lage ernst, weil kompliziert, da es Nachrichtenanbietern in der Breite augenscheinlich nicht gelingen mag, junge Menschen in ausreichendem Maße für Journalismus zu begeistern und ihren Mehrwert gegenüber anderen Medienangeboten abzugrenzen.

Die zusammengefassten Ergebnisse im Einzelnen:

Nachrichtenangebote im Netz haben vergleichsweise selten junge Fans.
Nicht mehr als die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen Befragten zeigt sich überaus und sehr an Nachrichten interessiert. Das sind immerhin wieder etwas mehr als im Vorjahr, das mit nur 43 Prozent einen Tiefpunkt markierte. Auch zeigt sich in der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen mit zwei Dritteln ein wieder etwas höherer Anteil Interessierter. Allerdings deutet dies auf eine eher nachrangig priorisierte Nachrichtennutzung hin, die als unmotivierte Pflichtübung erscheint, um über das Weltgeschehen mitreden zu können; denn immerhin zeigt sich mit 87 Prozent der GenZ bis 24 Jahren und 91 Prozent der Millennials bis 34 Jahren die Häufigkeit der Nutzung (mindestens mehrmals pro Woche) als stabil. Und: 16 Prozent der Jüngsten und 13 Prozent der Millennials (2019 jeweils 11 Prozent) zahlen bereits in irgendeiner Form für Online-Nachrichten.

Die Bedeutung des Journalismus in der Gesellschaft steht in Frage.
Unter jungen Internetnutzer*innen, besonders bis zum Alter von 24 Jahren, ist eine hohe gesellschaftliche Relevanz eines unabhängigen Journalismus kein No-Brainer. 15 Prozent dieser Altersgruppe hat sich über die Rolle unabhängiger Berichterstattung für ihre Gesellschaft sogar noch keine Meinung gebildet („weiß nicht“). Mehr als ein Zehntel meint sogar, unabhängiger Journalismus sei unwichtig für das einwandfreie Funktionieren der Gesellschaft. Insgesamt gibt es bei den Angehörigen der Generation Z die geringsten Zustimmungswerte im Altersvergleich.

Lokalberichterstattung hat einen schweren Stand.
Junge Leute zeigen im Altersvergleich traditionell wenig Interesse an lokaljournalistischen Angebote. Zwar zeigen sich 65 Prozent der ganz jungen und 82 Prozent der Millennials mindestens einigermaßen interessiert für lokale Nachrichten, doch liegen die beide Werte unter dem altersübergreifenden Durchschnitt. Wenn sich in diesen beiden Altersgruppen über Lokales informiert wird, dann primär über lokale Zeitungen online und offline (40/51 Prozent) und persönliche Kommunikation (30/36 Prozent). Die meisten jungen Menschen im Alter von 18 bis 24 Jahren würden bei einer hypothetischen Einstellung des Erscheinens aber doch ihre Lokalzeitung oder lokalen TV-Nachrichten vermissen.

Politikmüdigkeit grassiert weiter.
Auch das Interesse an Politik bleibt gering: Nur etwas mehr als ein Drittel der bis 24-Jährigen ist stark an Politik interessiert – der geringste Wert im Altersvergleich – und 27 Prozent zeigen sich nicht sehr und überhaupt nicht interessiert. Zum Vorjahr gibt es dahingehend kaum Veränderungen, wohingegen das Interesse der etwas älteren Millennials bis 34 Jahre merklich anzieht.

Das Ende des linearen Informationsfernsehens ist nah (in den Medienrepertoires der Jüngeren).
Wer als junger internetaffiner Mensch Nachrichtenangebote nutzt, greift immer seltener zur Fernbedienung. Es gibt in der GenZ nur halb so viele TV-Nutzer*innen (42 Prozent) und Zeitungsleser*innen (19 Prozent) wie in der Altersgruppe 55+ (83  bzw. 40 Prozent). Auch zwischen 25 und 34 Jahren werden die traditionellen Mediengattungen tendenziell seltener genutzt. Seit dem Jahr 2013 hat das lineare Fernsehen bei den bis 24-Jährigen um mehr als 20 Prozentpunkte eingebüßt, wohingegen Social Media in Bezug auf die Nachrichtennutzung im selben Zeitraum 25 Prozentpunkte hinzugewonnen hat. Aber: In den ersten Wochen der Corona-Pandemie feierten Fernsehnachrichten eine Art (kurzzeitige) Renaissance und verzeichnete vor allem bei den Millennials (+11 Prozentpunkte), aber auch unter den 18- bis 24-jährigen (+4 Prozentpunkte) einen Anstieg.

Nachrichten erreichen junge Menschen hauptsächlich in sozialen Netzwerken.
Seit Jahren liegt die Dominanz von Social Media im Medienhandeln junger Menschen auf der Hand. Bei der Frage nach der wichtigsten Nachrichtenquelle zeigt sich, dass daneben kaum noch Platz oder vielmehr Zeit für andere Nachrichtenangebote traditioneller Mediengattungen bleibt: Während sich nahezu drei Viertel der 18- bis 24-Jährigen und 60 Prozent der 25- bis 34-Jährigen im Internet informiert, liegen Social Media als Hauptnachrichtenquelle bei fast einem Drittel der Jüngeren mit weitem Abstand vorn, gefolgt von Websites von Nachrichtenmagazinen und Zeitungen (jeweils 13 Prozent) und Netzangeboten von TV- und Radioanbietern (11 Prozent). Bei den etwas älteren Millennials gestaltet sich die Verteilung etwas ausgewogener, doch auch hier führen Social Media bei einem Fünftel der Nutzer*innen zwischen 24 und 34 Jahren.

Der Facebook-Kosmos ist weiterhin für die Nachrichtendistribution relevant, doch YouTube gefährdet die Führungsposition.
YouTube liegt bei den jüngsten Befragten in der Nachrichtennutzung auf Social-Media-Plattformen vorn, Facebook bei den etwas älteren Millennials, von denen aber auch fast jeder Fünfte gern informative Videos auf YouTube schaut. WhatsApp behauptet sich stark in beiden Altersgruppen. Instagram setzt seinen Siegeszug in der Generation Z gegenüber der Muttermarke fort und liegt bereits vier Prozentpunkte vor Facebook, wenn es darum geht, Nachrichten zu suchen, zu lesen, anzuschauen, zu teilen oder darüber zu diskutieren. Auch unter dem Eindruck der um sich greifenden Corona-Pandemie zeigte sich eine ähnliche Verteilung.

Zwiegespaltene Ergebnisse zur Akzeptanz von Meinungsjournalismus.
Altersübergreifend bevorzugen etwa zwei Drittel der befragten Internetnutzer*innen Nachrichtenangebote, die keine dezidierte Meinung vertreten, also überparteilich und neutral berichten. Etwas mehr als jede*r Zehnte nutzt bevorzugt Nachrichtenangebote, die die eigene Meinung teilen. Und nur vier Prozent sehen ihre eigene Meinung gern durch ein Nachrichtenangebot herausgefordert. Unter den jüngsten Befragten ist der Anteil dieser Nutzenden mit zwölf Prozent am höchsten. Bei den etwas älteren Millennials dagegen hält sich fast jede*r Fünfte an Angebote, welche die eigene Meinung spiegeln – im Vergleich zu den übrigen Altersgruppen der höchste Wert.

Das Vertrauen in digitale Nachrichtenangebote bleibt ambivalent.
Junge Internetnutzer*innen verzeichnen im Altersvergleich die geringsten Zustimmungswerte beim allgemeinen Vertrauen in Nachrichten, wobei die Differenz zu Befragten mittleren und gehobenen Alters bei 11 bis 20 Prozentpunkten liegt. Bei den selbst genutzten Nachrichten sind die Abweichungen geringer, unter den Jüngeren jedoch glauben auch hier mit ungefähr nur der Hälfte vergleichsweise wenig Befragte, dass sie dem Großteil der Nachrichten, die sie nutzen, meistens vertrauen können. Bezeichnenderweise sind die Vertrauenswerte für Nachrichten, die über soziale Medien und Suchmaschinen verbreitet werden, altersübergreifend sehr gering. Das schließt auch die auf Social Media abonnierten Angehörigen der Generation Z und der Millennials ein. Suchmaschinen sind den Jüngeren – obwohl intensiv genutzt – ohnehin ein Dorn im Auge, da sie im Vergleich zu den Älteren zu einem größeren Anteil die Sorge haben, dass darüber falsche Informationen verbreitet werden. Nichtsdestotrotz sind Suchmaschinen (für 30 Prozent) neben Social Media (für 37 Prozent) regelmäßige Zugangswege der Jüngeren zu Nachrichtenbeiträgen, auch in der Corona-Pandemie.

Junge Erwachsene fühlen sich kompetent, Fake News zu erkennen.
Selbstsicherheit bietet zwar keinen Schutz, doch von den 18- bis 24-Jährigen unter den Befragten glauben nur 28%, dass sie womöglich Falschmeldungen nicht von Fakten unterscheiden können. Ältere sind da insgesamt deutlich unsicherer und selbstkritischer. Dabei ist es gerade die jüngste Altersgruppe der Befragungsstudie, die mit ihrem Hang zur Social-Media-Nutzung verstärkt manipulierten und interessensgeleitenden Inhalten konfrontiert wird. Gefahr geht aus Sicht eines knappen Viertel dieser Altersgruppe von ausländischen Regierungen, Politiker*innen oder politischen Parteien als Urheber falscher oder irreführender Informationen aus. Gleichzeitig zeigen sich die Jüngeren als liberalste Altersgruppe in der Frage, ob politische Akteure in sozialen Medien Werbung für sich und ihre Ziele machen dürfen sollten: Zwei Fünftel der Jüngeren im Vergleich zu 16 Prozent der über 55-Jährigen stimmen hier zu.

Newsletter sind weiterhin ein Geheimtipp. 
Durchschnittlich 4,4 bzw. 4,5 Newsletteranbieter haben 18- bis 24-Jährige und 25- bis 34-Jährige abonniert im Vergleich zu 3,5 bis 3,7 bei den älteren Befragten. Die Intensität der Nutzung ist aber denkbar unterschiedlich: Während die GenZ offensichtlich gern breit abonniert, aber nur ausgewählt sehr intensiv liest (und manche aktive Abos auch komplett ignoriert), browsen Millennials gelegentlich durch die empfangenen E-Mails all ihrer Newsletter-Abonnements. Altersübergreifende Favoriten sind Nachrichtenüberblicke, die schnell und auf einen Klick Ordnung in den ohnehin tiefgreifend mediatisierten Alltag bringen sollen.

Die Popularität von Online-Video gilt nicht für Nachrichten.
Journalistische Inhalte werden bevorzugt auch von den Jüngeren gelesen als  geschaut oder gehört, wobei Audio-Angebote bei den 18- bis 24-Jährigen etwas höher in der Gunst liegen als bei den übrigen Altersgruppen. Wenn doch Videos genutzt werden, um sich nachrichtlich zu informieren, dann liegt YouTube bei GenZ als auch bei den Millennials vorn (für ein Drittel bzw. ca. ein Viertel). Doch auch Nachrichtenapps und -websites schließen hier auf (für jeweils etwa ein Viertel).

Podcasts sind in der Informationsnutzung etabliert.
Bei 18- bis 24-Jährigen und 25- bis 34-Jährigen sind Podcasts populär. Die jüngste Altersgruppe zeigt sich mit 54 Prozent monatlicher Podcast-Hörer*innen als besonders begeistert, Millennials zeigen sich mit 42 Prozent monatlichen Nutzer*innen auch zugeneigt. Im Vordergrund stehen allgemeine Nachrichten, spezifische Wissensthemen und Lifestyle. Spotify ist bei den Befragten bis 34 Jahren der ungeschlagene Champion der Podcast-Plattformen, gefolgt von YouTube.

Fazit

  1. Die Ergebnisse machen deutlich, dass Nachrichtenanbieter und die journalistische Praxis ihre Relevanz permanent neu unter Beweis stellen müssen. Der Bedarf an verlässlichen Informationen ist auch in Kreisen jüngerer Menschen hoch, nicht erst seit der Corona-Pandemie. Doch nachwachsende Mediengenerationen werden nicht zwangsläufig an die Rolle des Journalismus in der Gesellschaft und den Qualitätsanspruch etablierter Nachrichtenmarken herangeführt. Die Nutzerbindung ist durch eine zum Teil grundlegend gewandelte Mediensozialisation in Familien prinzipiell eher gering, die Fluktuation in der Nutzung von Medienangeboten im Allgemeinen und Nachrichtenquellen im Besonderen eher hoch. Auch wenn fast drei Viertel der jungen Befragten dem professionellen Nachrichtenbetrieb eine wichtige Funktion für die Gesellschaft zuerkennen, ist die Zahl derer, die ihm eine zentrale Funktion in der gesellschaftlichen Selbstverständigung beimessen, in dieser Altersgruppe bemerkenswert hoch. Nachrichtenkompetenz kann erlernt werden, Wertschätzung aber müssen sich Journalist*innen und Anbieter von journalistischen Inhalten erarbeiten und verdienen.
  2. Die Relevanz von Nachrichtenangeboten im Alltag junger Menschen erscheint gering und tendenziell weiter abzunehmen. Lebenswirklichkeit wird heute von jungen Erwachsenen hauptsächlich unter Zuhilfenahme anderer medialer Inhalte konstruiert. Noch sind journalistische Inhalte für jüngere Nutzer*innen ohne klares Bild von der Vertrauenswürdigkeit der Nachrichtenquelle schwer auf Social-Media-Plattformen zu erkennen und können ihre besonderen Qualitäten nicht klar genug vermitteln. Eine weitere massive Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen Plattformbetreibern und Nachrichtenanbietern bei der Kenntlichmachung von und Aufklärung über Nachrichtenquellen erscheint dringend angezeigt – und zwar auf Augenhöhe.
  3. Die Erwartungen an fundierte Nachrichten orientieren sich auch bei den Jüngsten an tradierten Vermittlungsformen, allen voran Text. Das bedeutet aber nicht zwingend, dass sich journalistische Praxis weiterhin in den Grenzen konventionellen Nachrichtenschreibens bewegen muss: Gefragt sind kreative Ideen, wie Nachrichten verständlich und leicht zugänglich Menschen im Alter bis Mitte 30 erreichen können, gerade wenn sie bislang eher selten, unleidenschaftlich und im Sinne einer grundsätzlichen Bedarfsbefriedigung klassische Nachrichteninhalte rezipieren. Die Vorstellung eines vorrangig an Meinung und Haltung interessierten jungen Publikums ist weitestgehend entkräftet. Gefragt ist neutrale und sachliche Berichterstattung, auch für junge Leute. Es braucht co-kreative Verfahren, um gemeinsam mit der Zielgruppe Wege und Formen zu finden, sie (in der Regel erstmals) für Journalismus zu begeistern. Der steht nun einmal de facto im Wettbewerb mit einem Potpourri an informierenden und unterhaltenden Inhalten im Netz und mit dem breiten Spektrum an wechselseitiger Kommunikation mit Familie, Freunden, Gleichgesinnten. Gemeinsame (Generationen-)Projekte können viel erreichen, vor allem einen Sinn dafür und Lust darauf, dass es sich lohnt, regelmäßig und aktiv Nachrichteninhalte anzusteuern, sie sich anzueignen und sich womöglich auch darauf aufbauend aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft zu engagieren.
  4. Die Rückschläge im Feld der Millennial-Medien mögen als eine weitere Schlappe etablierter Medienhäuser und eine erste Schlappe großspurig expandierter Start-Ups bei dem Versuch gelten, ein junges Publikum als wertvolle Vermarktungsgröße und zukünftige Abonnenten zu gewinnen. Es können einige Lehren aus dem offenbaren Misserfolg einzelner junger Nachrichtenmarken gezogen werden. Eine davon ist, dass es Entwicklungsredaktionen, als solche die meisten größeren Millennial-Medien gestartet sind, grundsätzlich schwer haben, sich in einem Unternehmenszusammenhang mit einer starken Dachredaktion und Geschäftsführung publizistisch wie wirtschaftlich zu behaupten. Letztlich zählt immer, wie lang der Atem sein darf, der einem solchen Projekt eingeräumt wird, bis nackte Kalkulationsgrößen der Wirtschaftlichkeit beim Benchmarking Überhand nehmen. Zum anderen sei dahingestellt, ob eigene abgrenzbare Medienmarken für junge Publika zielführend sind, gerade weil die Etablierung neuer Marken stets mit hohem Aufwand und unsicheren Erfolgschancen einhergeht, nicht erst im Medienbereich. Keinem der weiteren in den vergangenen fünf Jahren gestarteten Ablegern wie Orange by Handelsblatt oder ze.tt von Zeit Online ist bislang der große Wurf oder kommerzielle Befreiungsschlag im Segment der Nachrichtenwebsites für junge Leute gelungen.
  5. Angesichts der größtenteils als solide zu bezeichnenden Erwartungen junger Nutzer*innen an vertrauenswürdige Nachrichteninhalte ist vielmehr an eine niedrigschwellige Integration möglichst flexibler, zielgruppenauthentischer, ansonsten aber dem Glaubwürdigkeit vermittelnden Markenkern des Mediums entsprechender Angebote zu denken. Zum einen stehen natürlich Themen und die Herangehensweise an diese im Vordergrund: Konstruktivität und Lösungsorientierung in der Berichterstattung sind ein Beispiel für leichte Anpassungen in redaktionellen Agenden mit großer Wirkung bei jungen Nutzer*innen. Ein Hauptaugenmerk gilt der ehrlichen Ansprache (bspw. durch Gleichaltrige) und einer dialogischen und nicht allein distributiven Präsenz auf sozialen Medienplattformen. Die abwechselnde Popularität großer sozialer Medien-Plattformen zeigt die Notwendigkeit, es in Redaktionen nicht an der erforderlichen Flexibilität mangeln zu lassen, sich so intuitiv wie die Nutzer*innen auf neue Kommunikations- und Vermittlungsformen einzulassen, die sich mit neuen Social-Media-Trends rasant verbreiten. Aber Co-Präsenz zur Markenbindung und Engagierung junger Menschen ist vielgestaltig vorstellbar, auch im Veranstaltungsbereich nach oder auch mit Corona – hier hat unter anderem als ein Beispiel Zeit Online mit dem Z2X-Festival der neuen Visionäre ein interessantes Referenzprojekt verstetigt, das junge Kreative engagiert, die Redaktion lernen lässt und darüber Themen und Formen für die journalistische Praxis generiert.

Mehr Trendreport vom VOCER Millennial Lab:

Beige – Das unisex Online-Magazin

Eine Kunstkolumne über Fäkalien auf Leinwand, eine Hymne auf das Lotterleben in Leggins, Mülltrennungsvergewisserung, Stadtflucht, Sternzeichenklischees, Lebensmittel retten, Produktvorstellungen und endlich nach Los Angeles: Thematisch mag „Beige“ mit Blick auf einschlägige Lifestyle-Blogs konventionell erscheinen. Die Themen ranken sich um Kultur, Menschen, Reisen, Design, Mode, Fair(e Produktion und Distribution), Pflege. Pflege im Sinne von Beauty, nicht gesellschaftskritisch im Sinne von Überalterung und Notstand. Doch das Online-Magazin hat sich in nur 18 Monaten mit Achtsamkeit, Affirmation und guter Laune ein treues Publikum in hoher sechsstelliger Zahl erarbeitet. Ihre Leser*innen beschreiben die beiden Modejournalistinnen Lisa Trautmann (33) und Marie-Christin Jaster (25) als „selbstkritisch, neugierig, hedonistisch (würden sie nie zugeben)“ und vor allem: „50 % weiblich, 50% männlich“.

Im Rahmen seines Trendreportings betreibt das VOCER Millennial Lab ein kontinuierliches weltweites Monitoring von innovativen Nachrichtenangeboten für junge Zielgruppen. Dabei stehen die Besonderheiten der oft als unbeständig wahrgenommenen digitalen Mediennutzung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Vordergrund: Welche konzeptionellen journalistischen Ansätze, welche Modi der Pubilkumsansprache, welche Darstellungsformen sind vor diesem Hintergrund erfolgsvorsprechend? Wie können junge Menschen für qualitativ hochwertige Berichterstattung begeistert werden? Die Reihe Millennial Medium des Monats stellt Best Practice-Beispiele aus dem In- und Ausland vor, die Antworten auf diese Frage liefern.

„Beige“ ist im September 2018 mit einem offensiv herausgekehrten „unisex“-Anspruch gestartet: Eine integrative Geschlechteransprache auf Augenhöhe sollten in der Berichterstattung ebenso selbstverständlich sein wie Diversität, so die Botschaft. Beiträge sollen Männer wie Frauen interessieren, meinen Jaster und Trautmann. Den nächsten Schritt des Feminismus versteht das Duo darin, die Männer nicht dabei zu vergessen, wenn es um relevante Themen und Fragestellungen geht: „Wir sind wir, Mensch ist Mensch“. So einvernehmlich, so überzeugend: Insbesondere junge Erwachsene sind wiederkehrende Besucher*innen der Website und ihrer lebendigen Dependance bei Instagram.

Das Kernpublikum von „Beige“ ist Mitte 20 bis Ende 40 und schätzt den selbstbewussten und stilbetonten Ansatz des Berliner Führungsduos. Die redaktionelle Linie wird strikt durch dessen persönliche Interessen bestimmt: Die 33-jährige Lisa Trautmann bewegen Potenziale von Empowerment und Diversity, die 25-jährige Marie-Christin Jaster brennt für Mode. Und immer wieder „Beige feels“: „Träumen von draußen“, „Zeit auch mal humble zu sein“, „Von Solidarität und Normalität“, „Keine Lust auf Massenhysterie“ und so fort. Ein Onlinemagazin so bunt wie der Name es kaum hätte vermuten lassen: grün, blau, orange schillert das Story-Grid auf der Website.

Der Name ist mehr Gegensatz denn Programm: Beige, die oft beschriebene „Seniorenfarbe“, unauffällig, nichtssagend, bestenfalls vornehm konnotiert, aber alles andere als frisch, überraschend. „Beige interessiert noch nicht mal Insekten!“, witzelte Trautmann einmal in einem Interview. Dieser Mut zur Ironie scheint sich zu lohnen: Als noch junges journalistisches Startup ohne langfristig entwickelte Fanbasis verzeichnet „Beige“ bereits über 80.000 monatliche Websitebesucher und 7.800 Follower bei Instagram, die sich mit nur einem veröffentlichten Beitrag pro Tag begnügen. Die Artikel setzen auf Zeitlosigkeit statt auf Aktualität. Sich auf der Website verlieren zu können, ohne sich gestrig zu fühlen, ist ein Alleinstellungsmerkmal, das Beige gern kultiviert: Herumscrollen, die Gif-verzierten Headlines durchstöbern, auf Geschichten stoßen, die trotz ihres Erscheinungsdatums Monate zurück immer noch aktuell erscheinen: „Bend it like Beckham“ im „Digitalen Zuhause“, wie Lisa Trautmann das Magazin versteht – ein digitalziniges „Coffeetable Book“ für Millennials.

Name: Beige
Sitz: Schönhauser Allee 128, 10437 Berlin
Website: beige.de
Gründung: Mai 2018
Gründerinnen: Lisa Trautmann und Marie-Christin Jaster
Teamgröße: 11
Veröffentlichte Beiträge seit Gründung: > 500
Follower (monatlich):
Facebook > 600
Instagram > 7.800
Pinterest > 51.000

(Stand: April 2020)

Millennials, da ist sich Lisa Trautmann ganz sicher, sind mittlerweile in einem Alter, dass sie mehr als nur Inhalte-Snacks verdauen wollen. Die Schlagzahl verringern, Hintergründe und Kontexte vertiefen: Das Interesse, ein Thema möglichst umfassend zu verstehen, sei groß. Schließlich wird das Leben mit der Zeit nicht unkomplizierter. Vermittelt werden solle: „Es gibt alles, jeder darf alles.“ Die Darstellungsform in Text und Bild, nur selten Video, ist fließend und plattformübergreifend, aber nicht beliebig. Marie-Christin Jaster vermisst bei Modestrecken in einschlägigen Publikumszeitschriften und ihren Online-Derivaten Zusatzinformationen, Hintergründe, Bestell- und Vergleichsmöglichkeiten. Selbiges gelte für den Reisejournalismus, meint Trautmann. Diesen Mehrwert im Nutzwert versucht Beige nachzuholen, bis hin zu funktionalen Features wie die Einbindung von Google Maps-Ausschnitten, Restaurantbewertungen, Insta-Stories, um „auf dem Handy immer alles gleich parat zu haben“. Vorbilder für diesen „Alles was geht“-Anspruch kennen die Beiden nicht. Man könne dem Leser nicht genug Service bieten, und der Versuch werde honoriert.

Formate für beiderlei Geschlechter

Nutzwert leitet Jaster und Trautmann auch bei den Kooperationen mit Werbetreibenden, derer sie drei als Meilensteine ihres Millennial-Mediums herausstellen: Da war der „Bumble-Brunch“, eine gemeinsam mit der namensgebenden Dating-App organisierte Offline-Veranstaltung, bei der gematchte Nutzer*innen beim gemeinsamen Frühstück über Freundschaft, Zusammenhalt und „die besten Tricks gegen Einsamkeit“ diskutieren konnten. Journalistisch-aktivierende Veranstaltungen seien sowohl fürs Image der eigenen Medienmarke und die Nutzerbindung gut, sind die Gründerinnen überzeugt. Eine Lücke erkennen Trautmann und Jaster in Formaten, die für beiderlei Geschlechter interessant sind. Zu häufig werde hier auf vermeintlich spezifische Interessen von Frauen oder Männer zugespitzt und zugeschnitten. Es fehlten Veranstaltungsreihen, die konkret themenbezogen zwischen den Geschlechtern vermitteln, ohne diesen Verständigungsprozess explizit in den Vordergrund zu stellen. Doch durch die Corona-Pandemie mussten erste Überlegungen, diesen Zweig weiter zu entwickeln, bereits im Keim auf die lange Bank geschoben: „Zu zweit ist es schon schwer, ein Magazin und eine Agentur zu leiten. Dann noch krasse Offline-Konzepte auf die Beine zu stellen, ist in der aktuellen Situation einfach nicht möglich. Es gibt aber Ideen, das in absehbarer Zukunft anzugehen“, sagt Marie-Christin Jaster.

Ein Spezial mit sieben Home-Stories bei diversen Berliner*innen war prägend für das junge Onlinemagazin, bei der das Make-Up-Label Catrice als Sponsor nicht nur im Hintergrund präsent war. Die Aktion blieb auch deshalb angenehm in Erinnerung, weil sich die Redaktion mit ihrem eigenen Konzept gegen die anfängliche Dominanz des Werbepartners durchsetzen konnte. „Geld auf dem Konto, Artikel-Schandflecke auf der Seite: das wollen wir nicht“, so Lisa Trautmann. Zugeständnisse von Werbepartnern an die Kreativität des „Beige“-Teams ist für die Unternehmerinnen entscheidend. „Wir arbeiten nur mit Brands, hinter denen wir auch zu 100 Prozent stehen“, sagt Marie Jaster. Viel Nutzerfeedback habe es auch zu ihrem Interview mit Friseur Joshua Coombes gegeben, der Obdachlosen kostenlos die Haare schneidet. Der Beitrag war eine bezahlte Kooperation mit einer Schuhmarke, als dessen Werbebotschafter der Mann im Fokus seine Lebenseinstellung erklären durfte.

Rückmeldungen ihrer Nutzer*innen erreichen das Führungsduo kaum noch wie anfangs über die Kommentarfunktion auf der Website, sondern überwiegend via Instagram-Kommentaren. Je persönlicher die Kritik, desto eher werden Direktnachrichten geschickt: zur Rechtfertigung von Fleischkonsum zum Beispiel. Am ausführlichsten sei das Feedback, das sie per traditionellem Leserbrief per E-Mail erreiche, sagt Lisa Trautmann. Hier sei auch zu beobachten: Je älter die Nutzer*innen im recht jungen Altersspektrum der Zielgruppe seien, desto kommunikativer, überlegter und differenzierter die Zuschriften. Auf Facebook ist „Beige“ zwar auch vertreten, ihre Performance dort ähnele aber einem „Trauerspiel“, der Lohn der redaktionell investierten Mühe sei „zum Heulen“. Eine Verwertung auf LinkedIn und YouTube werden noch entwickelt. Instagram bleibt allerdings vorerst konkurrenzlos. Lisa Trautmann wünscht sich zwar einen Freelancer jenseits der 50, schließlich gebe es aus dieser Altersgruppe zunehmendes Interesse an den Inhalten von „Beige“. Neugieriger noch ist sie allerdings auf die Einstellung von Teenagern zum Leben und das beige Themenspektrum. Sie selbst verstünde Vieles in der heutigen Social-Media-Welt kaum noch – TikTok zum Beispiel.

Für alle Lebenskonzepte offene Zielgruppe

Von ihren derzeitigen Durchschnittsnutzer*innen glauben Marie Jaster und Lisa Trautmann mittlerweile ein relativ konkretes Bild zu haben: Diese gäben gerne Geld für Kleidung und Prestige-Objekte aus, seien allen Lebenskonzepten gegenüber aufgeschlossen und offen eingestellt, informierten sich größtenteils online, seien jedoch mit Print aufgewachsen und vertraut, seien zudem viel unterwegs, sehr mobil und würden ihre Informationen informativ und humorvoll verpackt mögen, pflegten einen „normalen“ Arbeitsalltag und schwankten oft zwischen ihren Träumen und angestrebten Lebenskonzepten, wüssten oftmals selbst noch nicht genau, wohin ihre Reise gehe und würden gar denken, dass die Welt ein ziemlich verrückter und spannender Ort ist. So steht es in ihrem Media Kit für Werbetreibende: eine unter dem Eindruck des Userfeedbacks entwickelte Erwartungserwartung zweier aufstrebender Journalismus-Unternehmerinnen.

Als großes geschäftliches Vorhaben für 2020 ist auf Anzeigenkunden zugeschnittene Bannerwerbung mit eigener Programmierung und Graphik geplant. Doch von den unruhigen Turbulenzen und Ambivalenzen der Corona-Krise ist auch „Beige“ erfasst worden: „Natürlich ist es gerade für alle eine schwere Zeit, ganze Existenzen brechen ein. Wir versuchen die positiven Dinge zu sehen: Mehr Menschen haben Zeit digital zu lesen, unsere Zugriffszahlen haben sich mehr als verdoppelt, der Austausch mit den Leser*innen ist viel intensiver geworden. Der Zusammenhalt ist so stark wie noch nie“, sagt Marie-Christin Jaster. Vor der Pandemie habe es kaum einen Unterschied gemacht, wenn die Veröffentlichungsfrequenz hin und wieder etwas erhöht wurde, so Jaster. Seien durchschnittliche Nutzer*innen bislang für gewöhnlich einmal am Tag zur Website navigiert, markiere die Corona-Krise einen grundsätzlichen Wandel: „Gerade merken wir das Gegenteil: Leser wünschen sich mehr Content und mittlerweile produzieren wir an den meisten Tagen zwei Artikel am Tag, in der ersten Zeit der Quarantäne sogar sieben Tage die Woche zwei Artikel. Unsere Zugriffszahlen haben sich in den letzten zwei Monaten mehr als verdoppelt.“

Solidarität in Zeiten von Corona

Im Laufe des Frühjahrs verdoppelten sich die Seitenaufrufe auf 100.000 monatlich, die Zahl der Website-Besucher von 30.000 auf 80.000. „Wir versuchen die Corona-Krise als Chance zu nehmen, noch mehr anspruchsvollen Content an mehr Menschen zu vermitteln. Wir wollen noch mehr als sonst Unterhaltung mit Mehrwert kreieren, persönlicher werden und ablenken sowie aufklären. Beides schließt sich für uns nämlich nicht aus“, sagt Jaster. Das Dilemma eines wachsenden Publikumsinteresses in der Krise und gleichzeitig ausbleibender Werbeaufträge versucht das Team konstruktiv für sich zu wenden: Die Redaktion verschenkt unter dem Motto #BeigeSupportPackage Advertorials an Unternehmen aus den Bereichen Kunst, Kultur und Lifestyle. Die Firmen werden gezielt ausgesucht, nachdem sie sich über den Instagram-Account von „Beige“ beworben haben. Bei den Lesern kommt der transparente Umgang mit der Solidarität für die lokale Wirtschaft offenbar an: Die Beiträge werden geklickt, das Publikumsfeedback ist ausgesprochen positiv. Kriterien für die Auswahl eines Unternehmens seien neben seiner Betroffenheit von der Krise die Nachhaltigkeit der Geschäftsziele, die Größe und die Philosophie der Firma. Bis Ende April wurden 18 Labels auf der Website und 40 Labels im redaktionellen Newsletter vorgestellt. Die Gradwanderung geht auch finanziell auf: Kürzlich wurde eine große Getränkemarke auf die Aktion aufmerksam und stieg als Sponsor ein.

Mehr Trendreport vom VOCER Millennial Lab:

JIM-Studie 2019: Der Informationshunger der YouTube-Aficionados

Durch die Gesellschaft verläuft ein tiefer demographischer Bruch, zumal mit Blick auf den Nachrichtenkonsum: Während sich junge Mediennutzer*innen permanent rasch in pionierhaftem und intensivem Drang dem Internet und dessen vielgestaltigen, multifunktionellen und nicht selten grellen, verspielten Diensten zuwenden, verändern sich die Mediennutzungsgewohnheiten der Älteren langsamer. Auch sie entdecken innovative Medienangebote für sich, aber deutlich später, zum Teil um Jahre verzögert.

Der digitale Medienwandel verläuft mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten: Das Aufwachsen unter den Vorzeichen einer digitalen Medienumgebung unterscheidet sich in vielen Merkmalen grundlegend von der Sozialisation in der analog geprägten Medienwelt der 1980er, 1990er und frühen 2000er Jahre. Lang gepflegte Gewohnheiten ändern sich nur schleppend. Die daraus resultierenden demographischen Umwälzungen in der Mediennutzung stellen Verlagshäuser vor tiefgreifende Probleme: Während die Jüngeren ihnen Flexibilität, Kreativität und Experimentiergeist abverlangen, um in der dynamischen Medienumgebung überhaupt noch wahrgenommen zu werden, möchten sich Ältere weiterhin auf ein konstantes, kohärentes Produkt und eine vertraute Ansprache verlassen können.

Das Logo des VOCER Millennial Labs

Beim Trendreporting des VOCER Millennial Labs recherchieren und analysieren wir den Markt der Medienangebote, die sich an Millennials richten, fassen relevante Studien zusammen und geben internationale Einblicke in den Journalismus für neue Zielgruppen. In diesem Beitrag beleuchten wir die relevanten Ergebnisse der repräsentativen Langzeitstudie „Jugend, Information, Multimedia.“

Zeigt sich der demographische Bruch in der Mediennutzung besonders eindrücklich im Vergleich von Jugendlichen und Senior*innen, ist gerade der Blick auf jüngere Generationenunterschiede lohnend: Was können Journalist*innen und Nachrichtenanbieter davon lernen, wie der Blick von Jugendlichen auf das Medienangebot der Gegenwart im Vergleich zu jungen Erwachsenen abweicht? Um die divergenten Muster (nicht ausschließlich) in der Mediennutzung besser herausarbeiten zu können, hat sich das US-amerikanische PEW Research Center schon seit einigen Jahren entschieden, die Folgegeneration der Millennials klar zu definieren: Die „Generation Z“ wird von dem sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut nun mit den Jahrgangskohorten der von 1997 bis 2012 Geborenen beschrieben, wohlwissentlich dass es sich bei der Festlegung von Geburtsjahrgängen immer nur um eine Annäherung an die ohnehin starke Heterogenität von Menschen in ihren kommunikativen Figurationen und sozialen Milieus handeln kann.

Wenn schon die jungen Erwachsenen der Jahrgänge 1981 bis 1996 mit ihrem veränderten Mediennutzungsverhalten die journalistische Praxis und die Wertschöpfung der Nachrichtenindustrie vor immense Herausforderung stellen: Wie kann sich der Journalismus in den Medienrepertoires der Kinder der Generation X (1965-1980) behaupten? Die häufig als GenZ beschriebene Altersgruppe kennt keine Medienwelt ohne Smartphones, Social Networks, Entertainment-Streaming und scheinbar unerschöpflichen Abrufangeboten im Netz. Seit 1998 untersucht die repräsentative Langzeitstudie „Jugend, Information, Multimedia“ des Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest aus Stuttgart jährlich die mediale Geräteausstattung und das Medienhandeln von Jugendlichen in Deutschland. In ihrer 23. Erhebung für das Jahr 2019 finden sich einige aufschlussreiche Ergebnisse, die darauf hinweisen, wie der Journalismus seinen Auftrag, seine Formen und Vertriebswege verknüpfen muss, um die jüngste Generation nachhaltig zu erreichen.

Die JIM-Studie 2019 kommt zu folgenden Ergebnissen:

  • Neun von zehn Jugendlichen ist täglich online, im Schnitt etwa dreieinhalb Stunden. Bedeutsam ist hierbei nicht allein der Gerätebesitz von Jugendlichen, sondern die Ausstattung mit Medientechnik im familiären Haushalt: Dieser ist in weitem Umfang durch eine große Vielfalt an unterschiedlichen Empfangs-, Abspiel- und Assistenzgeräten geprägt. Smartphones und Computer/Laptops sind ebenso wie WLAN-Technologie allgegenwärtig. Auch Fernseher und Radiogeräte behaupten sich wie auch klassische Abspieltechnik (DVD-Player/Festplattenrecorder). Abonnements für Video- oder Musik-Streaming sind in mehr als zwei Dritteln der Haushalte vorhanden. Tablet-PCs gibt es bei 63 Prozent, Spielekonsolen bei 60 Prozent der Familien. Wearables (31 Prozent) und digitale Sprachassistenten (16 Prozent) sind ebenfalls im Kommen. Schon acht Prozent der Jugendlichen nennt letztgenanntes Gerät bereits ihr Eigen. Der Primat des Smartphones als wichtigstes Gadget unter Jugendlichen ist mit 93 Prozent allerdings ungebrochen.
  • Manche mag es überraschen, andere beruhigen: Die Kulturtechnik des Lesens ist speziell für Jugendliche in unserer tiefgreifend mediatisierten Ära nicht zwingend eine lästige Pflicht. Sie lesen häufig, nicht nur im Rahmen des Schulunterrichts, sondern auch in ihrer Freizeit – ob gedruckte Bücher, Zeitschriften oder auch Zeitungen, aber vor allem Online-Informationen. eBooks dagegen sind nicht sonderlich beliebt. Im Schnitt gibt sogar nur weniger als jede*r Fünfte an, nie ein Buch freiwillig in die Hand zu nehmen. Mehr als ein Drittel lesen mehrmals pro Woche zum Vergnügen ein klassisches Buch.
  • Gelesen wird auch häufig und engagiert beim wechselseitigen Austausch mit der Peergroup: Direktkommunikation bleibt die für Jugendliche wichtigste Medienbeschäftigung im Internet. Im Schnitt mehr als eine Stunde täglich verbringen Jugendliche damit. Seit Jahren führt hier WhatsApp das Feld an und prägt als beliebteste Messaging-Anwendung den Austausch unter Jugendlichen – 93 Prozent innen nutzen den Dienst, unter den 16- bis 17-Jährigen sogar 98 Prozent. Die Bedeutung, sich mittels Webanwendungen mit Sozialkontakten auszutauschen, ist über im vergangenen Jahrzehnt zwar von 47 auf nur noch 33 Prozent zurückgegangen. Davon profitierte allerdings nicht das Informationsverhalten, das von 14 auf nur noch 10 Prozent sank. Vielmehr verbringen Jugendliche heute mehr Zeit mit Online-Spielen (Anstieg von 18 auf 26 Prozent) und Unterhaltungsangeboten im Netz (22 auf 30 Prozent).
  • Gespielt wird immer länger und intensiver: Die Bedeutung von Computerspielen und speziell Online-Games ist weiter gestiegen. Maßgebliche Antriebskraft ist hierbei der Vergemeinschaftungscharakter von Netzwerkspielen – vorne in der Gunst der Jugendlichen liegen aus den Vorjahren bekannte Dauerbrenner wie „Fortnite“, „Minecraft“ und „FIFA“. Der Bildungsgrad spielt dabei kaum einen Unterschied: Die Mehrheit der Haupt- und Realschüler (67 Prozent) bzw. Gymnasiasten (60 Prozent) spielt täglich oder mehrmals die Woche Computer-, Konsolen-, Tablet- oder Smartphone-Games. Etwa 13 Prozent der Jugendlichen nutzt nach eigenen Angaben nie digitale Spiele.
  • Die Lieblings-Internetanwendungen der Jugendlichen bleiben YouTube (63 Prozent), WhatsApp (39 Prozent) und Instagram(35 Prozent). Instagram legt hier mit 5 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr am deutlichsten zu. Facebook verliert weiter an Zuspruch: Nur noch verschwindend geringe vier Prozent nennen das Social Network als ihren Favoriten. Auch Spotify verliert etwas. In der tatsächlichen Nutzung zeigt sich ein ähnliches Bild – mit einem Senkrechtstarter: Zwar behaupten WhatsApp, Instagram, auch Snapchat im Bereich Kommunikation mit leichten Abstrichen ihre Führungsrollen, doch mit TikTok taucht erstmals eine Plattform auf, die von etwa jedem siebten Jugendlichen und von sogar etwa jedem fünften Mädchen regelmäßig genutzt wird. Besonders häufig sind hier die Unter-16-Jährigen aktiv (21-22 Prozent). Im Bereich der Bewegtbildangebote führt weiterhin YouTube vor Netflix, Amazon Prime und den Mediatheken der klassischen Fernsehsender: 90 Prozent der Jugendlichen nutzen das breit gefächerte Video-Angebot von Googles Video-Plattform – hauptsächlich Musikvideos und lustige Clips, fremdsprachige Videos oder Videos von Influencern/Creators. Bei Jungen sind Let’s-Play-Videos sehr beliebt, bei Mädchen Mode- und Beauty-Videos. Dagegen produzieren verschwindend wenige Jugendliche eigene Inhalte, um sie auf YouTube zu veröffentlichen.
  • Bei der Suche nach Informationen werden zwar auch Videos auf YouTube angeschaut (im Mittel von ca. 55 Prozent der Befragten), die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen konsultiert aber weiterhin Suchmaschinen wie Google (87 Prozent, keine Veränderung zum Vorjahr). Wikipedia war und ist für ein Drittel der 12- bis 19-Jährigen eine regelmäßige Quelle für Informationen. Klassische Nachrichtenangebote von Verlagshäusern oder solche, die über Facebook und Twitter verbreitet werden, büßen geringfügig an Relevanz ein, nur E-Mail-Anbieter steigerten sich etwas und erreichen mit ihren Nachrichtenangeboten etwa jeden elften Jugendlichen täglich oder mehrmals in der Woche. Hier sind es vor allem die Älteren und die Gymnasiasten, die überdurchschnittlich häufig traditionelle Nachrichtenquellen im Internet ansteuern. Bei den 18- bis 19-Jährigen zeigt sich der Informationsbedarf ohnehin am stärksten: Auch Suchmaschinen (92 Prozent) und Wikipedia (43 Prozent) werden regelmäßig frequentiert. YouTube ist besonders bei den 16- bis 17-Jährigen beliebt: mehr als zwei Drittel schauten sich dort in 2019 Videos an, um sich über Themen zu informieren.
  • Auch wenn für 13 Prozent der Jugendlichen in ihrem familiären Umfeld die gedruckte Tageszeitung immer noch eine Rolle spielt (im Vergleich zu 21 Prozent im Vorjahr) und Bestandteil ihrer Nachrichtenversorgung ist, gehört es im Mittel für 42 Prozent zum Alltag, Nachrichten per Smartphone-App zu empfangen (Jungen neigen etwas häufiger dazu als Mädchen). Bei den 16- bis 19-Jährigen trifft dies auf etwa jede*n Zweite*n zu, bei den 12- bis 13-Jährigen auf etwa jede*n Vierte*n. Als Mittel der Alltagsorganisation sind den ältesten befragten Jugendlichen nur Navigations-Apps wichtiger. Bei den Unter-18-Jährigen übertrumpfen auch Fahrplan-Apps und die vorgeschriebene App ihrer jeweiligen Schule den Nutzwert einer Nachrichten-App.
  • Die aktuelle Erhebung der JIM-Studie fragt auch nach Konfrontation von Jugendlichen mit Hass und Fake News. Hierbei wurde ein Fokus auf Formen von Hassrede wie konkrete Hassbotschaften, extreme politische Ansichten, beleidigende Kommentare sowie sogenannte „Fake News“ gelegt. Eine nähere begriffliche Bestimmung von „Fake News“ findet sich in der Studie nicht. Dabei handelt es sich nicht etwa um Fehler in der journalistischen Berichterstattung, sondern um die gezielte Verbreitung falscher, erfundener oder irreführender Informationen. Dabei können Fakten auch bewusst aus dem Zusammenhang gerissen oder falsch interpretiert werden, um Menschen zu manipulieren. Mehr als zwei Drittel der Jugendlichen geben an, im vergangenen Monat mit Hassbotschaften online in Berührung gekommen zu sein. 57 Prozent waren mit extremen politischen Ansichten konfrontiert, 47 Prozent mit beleidigenden Kommentaren und 53 Prozent mit Fake News. Nur ein knappes Fünftel blieb nach eigenen Angaben von diesen problematischen Online-Inhalten unbehelligt.

Fazit

  • Jugendliche informieren sich aktiv und regelmäßig, verlassen sich dabei aber hauptsächlich auf ihre eigenen Suchstrategien und die Algorithmen von Suchmaschinenbetreibern. Die Bindung zu Online-Nachrichtenmarken ist gering, lieber wird mittels eingegebener Suchbegriffe bei Google, YouTube oder Wikipedia recherchiert. Der Informationshunger wird damit seltener mit aktuellen Nachrichten, sondern üblicherweise mit einem breiten Spektrum an Quellen gestillt, deren Verlässlichkeit für die jungen Nutzer*innen nicht selten im Unklaren bleibt.
  • Jugendliche der Jetztzeit werden wie jeher stark durch das familiäre Umfeld geprägt. Sie kennen die dominanten Mediengattungen der Vergangenheit wie das Fernsehen und seine linearen Programme oder Zeitungen und nutzen sie – gemeinsam mit ihren Eltern und Großeltern. Auch die kulturelle Bedeutung dieser alten Medien und ihrer publizistischen Flaggschiffe ist ihnen als überlieferte Zuschreibung präsent, spielt aber in der inhaltlichen Orientierung ihres selbstbestimmten Medienhandelns keine herausragende, sondern eine entsprechend tradierte und eher begleitende Rolle. Ihre Werte und (para-)sozialen Beziehungen pflegen sie auf anderen Online-Plattformen, in einer Welt, in die sie als Kinder mit iPhone, Facebook, Instagram, WhatsApp und Snapchat hineingewachsen sind. Während Millennials als Teenager noch mit den Erfahrungsschablonen des Analogen die erste Phase der Digitalisierung bewältigen und sich mit der neuen Online-Welt arrangieren mussten, ist für die Generation Z nichts Neues oder Befremdliches mehr am Digitalen. Sie begegnen im Gegenteil den Produkten der vordigitalen Ära mit Distanz.
  • Nie stand einer Generation eine größere Vielfalt und Vielzahl an technischen und inhaltlichen Medienangeboten zur Verfügung. Und nie wandelte sich die Zahl der Medienangebote schneller als heute. Diese volatile Transformation der digitalen Medienumgebung fordert Jugendlichen heutzutage – anders als der vorangehenden Generation der Millennials – keine Anpassungsversuche ab: Sie unterhalten und informieren sich wie selbstverständlich mit permanent gescrollten Bild-, Video-, Text-Inhalten in einem dynamischen Multi-App-Arrangement.
  • Als Superlativ, glaubt man dem Social Buzz der Medienbranche, in der Umwerbung von Jugendlichen mit zeitgemäßen Medientrends erscheint TikTok, ehemals Musical.ly, die zurzeit am schnellsten wachsende Social Network App der Welt. Nach den Ergebnissen der JIM-Studie ist TikTok jedoch dezidiert nicht die neue Lieblings-App unter den Jugendlichen, das machen die Autor*innen der Studie klar: Nur vereinzelt sei die App als liebstes Angebot genannt worden und spiele bei dieser Fragestellung keine Rolle. Selbst Twitter rangiert demgemäß mit 2 Prozent noch vor der chinesischen Playback-Performance-Plattform. Allerdings weisen die Wachstumszahlen des vergangenen Jahres insbesondere bei Mädchen unter 16 Jahren (21-22 Prozent) darauf hin, dass TikTok de facto eine steigende Relevanz in der regelmäßigen Nutzung erhält. Die damit verbundene Mischung aus Musik, Choreographie, Imitation und performative Interaktion ergänzt die von anderen sozialen Plattformen geprägten Kommunikations- und Darstellungsformen und wird bei der Adressierung von Jugendlichen zumindest mittelfristig eine ernstzunehmende Rolle spielen. Nachrichtenmedien haben den problematischen Umgang des chinesischen Betreibers mit Datenschutz und Zensur kritisch aufzugreifen. Gleichzeitig experimentieren nicht nur Jugendradios wie „1Live“ oder „Das Ding“ mit TikTok, sondern auch etablierte Nachrichtenmarken wie die „Tagesschau“ oder „Washington Post“ entwickeln ganz eigene Formen, ihre Marke und Themen auf TikTok zu platzieren.
  • Während Facebook die Online-Kommunikation und die Sharing-Kultur der Millennials revolutioniert hat und in jüngeren Jahren nach und nach vermehrt auch das Medienhandeln älterer Generationen prägte, können heutige Jugendliche der Plattform kaum noch etwas abgewinnen und bevorzugen eine klare Trennung von Messaging und die Veröffentlichung persönlicher Erlebnisse: WhatsApp und Instagram sind für das Kommunikationsverhalten der GenZ bislang alternativlos. Auch für die Nutzung unterhaltender Inhalte werden sie immer wichtiger, indem die beiden ebenfalls zum Facebook-Konzern gehörenden Plattformen in Kombination effizient Text- und Bildkommunikation verbinden – wohingegen Sprachfeatures (Voice Messaging oder Instagram-Videos) nur selten genutzt werden.
  • Dabei erscheint die konkurrenzlose Führungsposition des (kostenlosen) Angebots von YouTube als beliebteste Internetanwendung als Ausdruck eines bedingungslosen Pragmatismus: Hier vereinen sich Musik- und Videonutzung auf einer Plattform. Für heute 12- bis 19-Jährige ist sie der natürliche und einfachste Zugang zu Musikvideos, Sendungen, Serien und Filmen genauso wie zu Tutorials und Erklärvideos, nutzergenerierten Inhalten und lustiger Unterhaltung. Das wird auch dadurch deutlich, dass YouTube von Jugendlichen am häufigsten mobil über das Smartphone genutzt wird: Über Präferenzen entscheiden die Inhalte und der niedrigschwellige Zugang, weniger indes die Loyalität zu einer Medien- bzw. Sendermarke. Dass es bei der ungebrochenen Beliebtheit von YouTube weder bei jüngeren und älteren Jugendlichen noch zwischen den Bildungsgraden nennenswerte Unterschiede gibt, macht dies umso deutlicher.
  • Hass, Beleidigungen und Mobbing gehören für Jugendliche zum traurigen Medienalltag. So präsent sich hassbezogene Kommunikation in den Online-Erfahrungswelten von Jugendlichen manifestiert, so stark werden sie von der Bewältigung kommunikativen Stresses vereinnahmt. Der Orientierungsbedarf ist entsprechend groß, Abschreckung- und Abstumpfungseffekte angesichts einer verrohten Kommunikationskultur im Social Web sind zu befürchten. Journalismus kann hier lösungsorientiert Auswege ebnen und moderierend seine Rolle als Aufklärungsinstanz und Orientierungsgeber Das muss nicht belehrend, aber vertrauenswürdig, verständnisvoll und dialogoffen geschehen – was umso schwieriger erscheint, da das Vertrauen der jüngsten Mediengeneration erst gewonnen werden muss.
  • Gerade in Krisenlagen wie der aktuellen Corona-Pandemie werden Fakten in den sozialen Medien interessensgeleitet aus dem Kontext gerissen oder falsch interpretiert, um Menschen zu manipulieren. Solche „Fakes“ werden dann über WhatsApp, Facebook, Instagram oder andere Plattformen rasant verbreitet, unter anderem weil die Postings auf den Nährboden bestehender Ängste treffen und die weiter schüren können. Das ist besonders in Krisenlagen brandgefährlich, weil hier auch eine Vielzahl junger Menschen nach Orientierung sucht. Bei einer repräsentativen altersübergreifenden Bürgerbefragung im Auftrag der Europäischen Kommission sah 2018 in Deutschland etwa jeder Vierte Journalisten in der Verantwortung, die Verbreitung von „Fake News“ zu verhindern. Dabei haben diese nichts mit Journalismus zu tun. Natürlich aber können und sollten sich auch Journalisten einbringen, um konstruktiv und transparent über ihre Arbeit aufzuklären – schon aus eigenem Interesse, um sich von manipulierenden Inhalten abzugrenzen. Dafür braucht es neue kreative Ansätze, da die Wahrnehmung journalistischer Inhalte insbesondere von einem jungen Publikum nicht ohne Weiteres vorausgesetzt werden kann. Jugendliche fehlt in der Regel die nötige Quellensensibilität, um Nachrichten als solche zweifelsfrei zu erkennen. Auch können oder wollen sie sich Medieninhalten meist nicht mit kritisch geschultem Blick nähern. Ein wichtiger und grundlegender Schritt wäre eine systematische Förderung von Nachrichtenkompetenz als Teil der Medienkompetenz in der Bevölkerung. Das beginnt damit, journalistische Inhalte überhaupt erst im Überangebot von Inhalten im sozialen Netz auf verschiedenen Plattformen zu erkennen, sie voneinander unterscheiden zu können, ihre Qualität und Glaubwürdigkeit einzustufen und überlegt auszuwählen als Grundlage für eine reflektierte Haltung zu der wachsenden Vielzahl an Informationen im Social Web. Das VOCER Millennial Lab bringt hierfür Journalist*innen mit jungen Mediennutzer*innen zusammen, um gemeinsam an attraktiven Formaten für hochwertige Berichterstattung zu arbeiten, mit deren Hilfe junge Menschen für Journalismus begeistert werden können.

mpfs (2020): JIM-Studie 2019. Jugend, Information, Multimedia. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger (Download)

Mehr Trendreport vom VOCER Millennial Lab:

Die da oben!
The Doe
Screenshot von InshortsScreenshot Inshorts
Reuters Institute
Screenshot von NAS Daily
Reuters Institute for the Study of Journalism
Screenshot von NAS Daily

NAS Daily – „People first. Products second.“

„Mehr Content produzieren. In noch mehr Sprachen. Zu einem sehr viel größeren Medienunternehmen wachsen. Mehr als 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen.“ Die Pläne von Nuseir Yassin für sein Startup NAS Daily sind ambitioniert. Im Frühjahr 2019 ist er von Kalifornien nach Singapur umgezogen, um aus seinem privaten Projekt ein Unternehmen zu gründen. Mit seinen kompakten Videos erreicht der 28-Jährige aus dem nordisraelischen Arraba bei Facebook regelmäßig 15 Millionen Abonnenten. Überzogene Spieldauern seien eine „Todesstrafe“ für jedes Online-Video, das sehe er schon an seinem eigenen Nutzungsverhalten, sagt Yassin im Interview. Seine Clips sind agil und dynamisch gedreht, schnell geschnitten und inhaltlich zugespitzt auf eine Frage, ein Talent oder ein Phänomen: „The World in 60 Seconds“ – die Welt in einer Minute. Das Motto ist Programm: Bis heute hat Yassin annähernd 1.100 Videos produziert. Im Fokus: Die Menschen, Kulturen und Naturen der Welt.

Im Rahmen seines Trendreportings betreibt das VOCER Millennial Lab ein kontinuierliches weltweites Monitoring von innovativen Nachrichtenangeboten für junge Zielgruppen. Dabei stehen die Besonderheiten der oft als unbeständig wahrgenommenen digitalen Mediennutzung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Vordergrund: Welche konzeptionellen journalistischen Ansätze, welche Modi der Pubilkumsansprache, welche Darstellungsformen sind vor diesem Hintergrund erfolgsvorsprechend? Wie können junge Menschen für qualitativ hochwertige Berichterstattung begeistert werden? Die Reihe Millennial Medium des Monats stellt Best Practice-Beispiele aus dem In- und Ausland vor, die Antworten auf diese Frage liefern.

Das kommt an: NAS Daily ist eine der wenigen Erfolgsgeschichten im globalen Geschäft mit Social Video, bei der ein einzelner Protagonist quasi im Alleingang eine Medienmarke aufgebaut hat, die sich mit Berichterstattung aus aller Welt an ein junges Publikum in aller Welt richtet. NAS Daily startete zunächst als Nebenprodukt eines auf 60 Tage angelegten Reiseexperiments: Nuseir Yassin buchte im April 2016 einen One-Way-Flug nach Nairobi, die Hauptstadt Kenias, um das „Abenteuer seines Lebens“ zu beginnen. Er jettete auf alle Kontinente, besuchte die Osterinseln, Chile, die Philippinen, Zimbabwe, Island, die türkisch-syrische Grenze, Nordkorea, Armenien, den Kölner Dom. In Berlin fragte er sich gemeinsam mit seiner mitreisenden Familie, weshalb das Leben hier so erschwinglich sei. Aus 60 Tagen wurden 260. Aus 260 Tagen wurde ein ganzes Jahr. Und aus einem Jahr wurden zwei. Jeden Tag entstand ein Video, eine Minute lang. Das disziplinierte Durchhaltevermögen zahlte sich aus: Immer mehr vor allem junge Menschen entdeckten die Beiträge über Yassins ganze eigene Entdeckung der Welt, ihrer Menschen, ihrer kulturellen Besonderheiten – und ihres Miteinanders.

Viele Videos strotzen vor Begeisterung angesichts von Naturspektakeln, kreativer Leistungen scheinbar gewöhnlicher Menschen und kulturellem Humanismus, der Zuversicht stiften soll in Zeiten von Konflikt und Superkapitalismus. Doch es gibt auch zahlreiche Videos über lokale und globale Ungleichheit und die Torturen des Alltags in vielen Ecken der Welt. Die Kamera fliegt (mittels Quadcopter), schwingt (mittels Selfiestick und GoPro) oder ruht vor Nuseir Yassins Gesicht und dem eingängigen Ladebalkenmotiv auf seinem T-Shirt: „33% Life“ – ein Markenzeichen mit Botschaft: „Time is valuable“, konstatiert Yassin in Video Nummer 545 aus Mumbai, Indien. Er habe schon immer Schwierigkeiten gehabt, Entscheidungen zu treffen. Außerdem habe er früher viel zu viel Geld für Dinge ausgegeben, die er im Grunde nicht gebraucht habe. Deshalb wolle er seine Zeit besser nutzen. Das T-Shirt avancierte für ihn programmatisch zum Ausdruck seiner Konzentration auf das Wesentliche, zu einem Zeit- und Seelenretter, denn Konsumkritik und ein konsequenter Fokus auf emotionale und spirituelle Erfüllung durch die Begegnung mit Menschen liegen bei dieser One-Man-Show nah beieinander.

Menschen. Leben. Werte.

„Nas“ heißt im Arabischen „Leute“: Menschen in ihrer Verschiedenheit und ihren Gemeinsamkeiten stehen bei NAS Daily im Mittelpunkt. Erzählt wird von Flüchtlingen, von Armen und Reichen, von jungen und alten Leuten, von Schicksalsverfolgten, von Begabten und Idealisten. Das Format richtet sich in seiner Verve an 18- bis 35-Jährige, auch wenn Nuseir Yassin auf Nachfrage beteuert, seine Videos sollten eigentlich „alterslos“ sein. Allerdings wird die Zielgruppe durch Yassins Blick auf die Welt, seinen Erzählstil und seine Art, sich vor der Kamera zu inszenieren, definiert: Seine Popularität verdankt Yassin seinem autodidaktisch entwickelten Storytelling. Seit dem ersten Video lässt er sein Publikum an den Reisen und seinen Fragen an die Welt teilhaben. Unterm Strich, meint er, gründe sich sein Erfolg allein auf die Geschichten, die er erzähle: „just the story“. Die wichtigste Voraussetzung sei, Menschen dazu zu bringen, seinen Geschichten etwas abzugewinnen, Widerhall zu finden in den Interessen und Lebenswirklichkeiten seines globalen Publikums.

Für ihn sei es beim Reisen niemals um geplante Ziele, sondern immer um die Freude daran gegangen, nicht zu wissen, was ihm über den Weg laufen werde, schreibt Nuseir Yassin in seinem Buch „Around the World in 60 Seconds“ – quasi dem bebilderten Logbuch zu seinem Aufstieg zum Medienphänomen. Seine eigene Startup-Story lädt er damit philosophisch auf und bietet damit auch einige Inspiration für Medienschaffende: Der Weg ist das Ziel, das Unbekannte der ultimative Antrieb. Für ihn zähle die Offenheit, die improvisierte und unerforschte Unvorhersehbarkeit seiner Reise. Dabei transportieren die kurzen Filme weit mehr als Eindrücke von persönlichen Begegnungen mit unbekannten Menschen und Regionen: Mit merklich zunehmender Akribie recherchiert Yassin im Laufe seines Projekts Themen und Persönlichkeiten und verarbeitet sie in Form von kompakten Presenter-Reportagen, die geschickt seine persönliche Perspektive, kulturelle Besonderheiten oder auch latente Konfliktlinien aufgreifen.

Name: NAS Daily
Sitz: 100 Jalan Sultan, #02-28, Sultan Plaza, Singapur (199001)
Website: nasdaily.com
Gründung: 1. Februar 2019
Gründer und CEO: Nuseir Yassin
Chief Marketing Officer: Alyne Tamir
Teamgröße: 19
Videoproduktionen: ca. 1.100
Follower:
Facebook >15 Mio.
Instagram >1,5 Mio.
YouTube >0,7 Mio.
Daily Views: >7,7 Mio.

(Stand: März 2020)

Das Storytelling setzt auf die Authentizität eines aufgeschlossenen, aber häufig auch unsicheren Weltbürgers, der selbst hin und wieder mit eigenen Vorurteilen – aber auch mit denen anderer – hadern muss, und dabei doch nie seine Begeisterung für die Welt und das Leben verliert. Das ist ansteckend, offenbar besonders für junge Menschen, macht visuell neugierig, überzeugt in der Auseinandersetzung mit großen Fragen des menschlichen Zusammenlebens, vermittelt Wissen und regt zum Austausch an, auch mit Andersdenkenden.

Yassin ist durch und durch Twen mit Sendungsbewusstsein. Er möchte weder Vlogger noch Influencer sein. Seine selbstgewählte Rolle ist die des CEO, dabei arbeitet er journalistisch, möchte berichten, sein Publikum aufklären – ohne Skript, aber fundiert recherchiert und persönlich verifiziert. Der Enthusiasmus eines überzeugten Travelguide mag ihm verziehen werden, auch er macht die Videos so anschlussfähig bei Millennials.

Experiment. Fail. Learn. Repeat.

„Ich bin nicht als Storyteller geboren worden, ich musste es durch beständiges Wiederholen lernen. Ich habe 1.000 Videos gedreht und erst dadurch gelernt, wie ich eine gute Geschichte erzähle“, sagt Yassin im Interview. Die Nutzungsdaten zeugten davon, ob er besser oder schlechter performt habe: „Wenn ich an einem Tag einen Fehler gemacht habe, habe ich es am nächsten Tag besser gemacht. Iteration macht alles besser.“

Die Geschichte von Nuseir Yassin erscheint wie aus einem Märchenbuch für Selfmade-Entrepreneure: Sich selbst entwirft er gern als von Neugierde Getriebener, als Pionier, dessen Energie und Entdeckerlust ihn zuerst nach Ohio und später an die Harvard University bugsierte. Er spricht von Talenthunger. Er jagte seine Träume. Sein Werdegang passt ins Bild: Als er sich als Schulabsolvent auf gutes Zureden einer US-amerikanischen Austauschlehrerin aus Ohio und gut Glück an der Welten entfernt scheinenden Elite-Uni Harvard in Cambridge, Massachusetts für den Bachelor-Studiengang in Economics and Computer Science bewarb, habe er es sich nicht träumen lassen, nicht nur angenommen zu werden, geschweige denn ein Vollstipendium zu erhalten, das ihm die Studiengebühren in Höhe von ca. 60.000 US-Dollar im Jahr ersparte. Während der langen Ostküstensommer versuchte er sich mit diversen Geschäftsideen, sammelte Startup-Erfahrungen in New York, hielt durch, obwohl all seine Anläufe misslangen, sei es eine Plattform für den Austausch von Nettigkeiten („Kindify“), eine integrative Suchmaschine für mehrere Social-Media-Plattformen („Branchly“), ein Nachrichtenaggregator für 1-Minuten-News („Downtime“), ein Klamottenvermietung für Globetrotter („Oyster“) oder eine Empfehlungsmaschine für Restaurant-Hintergrundmusik („Delphi“).

Nach seiner Absolvia im Jahr 2014 winkte das Zahlungsabwicklungs-Grownup Venmo mit einem mit 120.000 US-Dollar Jahresgehalt ordentlich dotierten Vertrag als Backendentwickler und entspannter Arbeitskultur im West Village Manhattans. Rückblickend beschreibt Yassin seine Zeit als Angestellter als wunderbar und insinuiert zugleich sein Kernproblem: „Komfort ist das erste Zeichen, dass die Dinge nicht okay sind.“ Die Routine habe ihn eingeengt, ja ärgerlich gemacht, weil er nicht die nächsten wertvollen Jahrzehnte seines Lebens nicht als Investition für einen späteren Payout verstanden wissen wollte. Seine restlichen Zwanziger, Dreißiger, Vierziger vor einem Computerbildschirm verbringen? Das sind Karriereaussichten, die gegenwärtig in der Lebensphase nach dem Studium wohl vielen jungen karrierehungrigen Menschen dräut. Yassin meint rückblickend, er habe womöglich verrückt gehandelt: Er ging mit seinem ersparten Kapital aus 20-monaten Tätigkeit für ein aufstrebendes Tech-Unternehmen auf volles Risiko, entledigte sich unnötiger Dinglichkeiten und traf mit dem vielleicht unfreiwilligen Gründer-Mantra „Alles ist ein Prozess“ den Nerv seiner Generation. Also los: Raus in die Welt, für ein Leben in vollen Zügen.

Bei NAS Daily wird mittlerweile in klareren Strukturen experimentiert: Die NAS Company in Kampong Glam, dem muslimischen Viertel Singapurs, zählt 19 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Tendenz wachsend. Journalistische Expertise ist hier kein Einstellungskriterium, sondern vielmehr Talent in der Videoproduktion. Auf absehbare Zeit wird sich das Unternehmen auf die Alleinstellungsmerkmale und die publizistische Motivation seines Gründers verlassen müssen, der mit seinem Videoabbinder „That‘s one Minute – see you tomorrow“ eine Zauberformel fand, die Retention Rate bei seinem jungen Publikum anzukurbeln. Jeden Tag ein Video, das war der selbstauferlegte Takt für 1.000 Videos. In Tasmanien, Tag 748, fiel die Entscheidung, sich nach der tausendsten Produktion schwerpunktmäßig der Firmengründung zu widmen. Videos kommen seitdem im wöchentlichen Takt. Und sie dürfen auch länger dauern als 60 Sekunden.

Das ursprüngliche Motiv aber gilt weiterhin: „Bisher haben Medienhäuser den Aufmerksamkeitsmarkt dominiert. Das hat sich mit den sozialen Medien radikal verändert. Wenn wir in dieser Arena nicht die Aufmerksamkeit der Menschen gewinnen, scheitern wir. Also konzentrieren wir uns darauf, was aus unserer Sicht wichtig ist. Ich zeige in meinen Videos, was ich für relevant erachte: Segregation, Rassismus, den Konflikt zwischen Israel und Palästina, aber auch auf welche Weise Länder und Menschen Gutes tun, Menschen mit Erfindergeist, kluge, beeindruckende und inspirierende Menschen“, sagt Nuseir Yassin im Interview. Leitend seien humanistische Werte, die Menschen verbinden: „Jedes andere Video wäre Zeitverschwendung.“

Global. Konstruktiv. Diversifiziert.

Nuseir Yassin hatte bislang keine Schwierigkeiten, ausreichend Themen aufzuspüren, die zeigen, dass sich weltweit auch unter widrigen Vorzeichen Gutes bewährt und durchsetzen kann. Lösungsorientierung ist ein Leitmotiv des Videoformats und gleichzeitig eine Antwort auf die größte Herausforderung von NAS Daily: ein globales Publikum mit universellen Themen anzusprechen, die möglichst auf der ganzen Welt verstanden und als relevant eingestuft werden. Dabei spielen auch universelle Ängste eine Rolle – eines der aktuell am meisten gesehenen und kommentierten Videos trägt den Titel: „How Singapore fights Coronavirus“ – über 23 Millionen Aufrufe, etwa 15.000 Kommentare. Darin versucht Nuseir Yassin am Beispiel seines aktuellen Wohnsitzes zu erklären, wie die Ausbreitung der Epidemie bekämpft wird und die Eltern (und Großeltern) der Zuschauer sich nicht sorgen müssten.

Nuseir Yassin kann auch Bücher, mit NAS Daily setzt er aber auf kompakte Videos über Menschen aus aller Welt.

„Wenn ich ein Produzent in Deutschland wäre, würde ich nur Themen angehen, die in Deutschland für wichtig gehalten werden. Der Durchschnitts-Filipino würde sich dafür aber nicht interessieren. Deshalb lege ich, wenn ich ein Video drehe, immer als Maßstab an, dass ein Zuschauer aus Honduras, aus Israel, aus Deutschland oder von irgendwo auf der Welt einen lebensweltlichen Bezug dazu haben kann.“ NAS Daily setzt auf konstruktive Berichterstattung über Menschen, die aus ihrer jeweiligen Situation heraus neue Denkansätze entwickeln, Probleme bewältigen, mit kreativen Ideen und Talenten ihren Träumen nachgehen oder mit eisernem Willen durchhalten. Dies verfolge er in deutlicher Abgrenzung zu einem Großteil der Nachrichtenanbieter, die aus seiner Sicht in erster Linie versuchen würden, die Welt mit Berichten über alles Schlechte in der Welt zu verbessern, sagt Nuseir Yassin. Das Negativitätsbias sei verantwortlich dafür, dass „wir nun alle glauben, die Welt sei tatsächlich schlecht. Deshalb fragte ich mich: Können wir die Welt besser machen, indem wir darüber berichten, was es Gutes in der Welt gibt? Während Nachrichtenanbieter die Pflicht haben, über einen Terroranschlag zu berichten, möchte ich mich auf alternative Nachrichten konzentrieren: Dinge, die Aufmerksamkeit verdienen, aber nicht so aufregend oder sensationell sind wie Krisenereignisse.“ Länder, Menschen, Emotionen bis hin zu Beziehungsfragen („Sollten wir Kinder haben?“) sind aktivierende Themenfokusse, die sich auch geschäftlich auszahlen: Bis zu einer Million Dollar Umsatz im Monat könne mit Facebook Ads erwirtschaftet werden, sagt Yassin. Hinzu kämen Erlöse aus Auftragsproduktionen für Facebook, das mit mehr als 2,4 Milliarden Nutzerinnen und Nutzern weltweit immer mehr Content benötige.

Die Abhängigkeit von der Distributionsplattform Facebook diktiere aber auch die Demographie der Zielgruppe: Zurzeit seien es Millennials, die NAS Daily hauptsächlich nutzen, doch das könne sich perspektivisch ändern, je nachdem wer die Plattform in Zukunft hauptsächlich bevölkere. Der entscheidende Vorteil von Facebook bleibe die globale Nutzerschaft (mit Ausnahme von China), die Sharing-Möglichkeiten, die einem Video bis zu zehn Millionen Views an einem Tag einbringen könnten, und die lebendigen Nutzerdiskussionen: „Conversations drive video.“ Noch moderiert und kommentiert Nuseir Yassin auch selbst. Der Facebook-Kosmos bleibe wohl für die nächste Dekade der Dreh- und Angelpunkt für Social Video, auch weil er die in der Nutzergunst rasant wachsende Plattform TikTok nicht für kompatibel mit westlichen Werten hält: „Wenn nicht Facebook, dann wird es die Instagram-App sein, wenn nicht Instagram, dann WhatsApp.“

Dennoch agiert der frische Gründer vorsichtig und versucht zu diversifizieren: „Ich bin ganz und gar nicht überzeugt davon, dass NAS Daily auf lange Sicht Erfolg haben wird. In den sozialen Medien bist du drei Jahre populär, und dann ist es plötzlich vorbei. Und wenn Facebook seinen Algorithmus ändert, bist du weg vom Fenster. Aus diesem Grund habe ich ein Unternehmen aufgebaut, damit es mir hilft, weitere Erlösquellen abseits von Facebook aufzutun.“ Zu den Kunden der jungen Produktionsfirma gehören unter anderem Uber, Pfizer, Agoda, Turkish Airlines, eine Hochschule und eine Krankenhauskette, die bei NAS Imagevideos und andere Werbefilme in Auftrag geben. In Singapur hat Yassin nach monatelangen Überlegungen einen Ort gefunden, der ihm ideal erscheint für seine Wachstumspläne: „Ich möchte an einem Ort leben, der funktioniert, nicht an einem Ort mit Problemen. Ich brauche keinen Verkehrskollaps wie in Los Angeles, ich kann mir keine hohen Steuern leisten, weil sie deine Firma in den Ruin treiben können. Ich möchte eine Regierung, die funktioniert, und ich möchte Arbeitskraft für meine Firma unkompliziert importieren können. Das ist in vielen Ländern nicht ohne weiteres möglich. Nicht zu vergessen brauche ich in der Nähe einen Flughafen, der rund um die Uhr geöffnet ist. Und ich möchte inmitten meiner Nutzerinnen und Nutzer arbeiten – die weltgrößte Population lebt in Asien, nicht in Europa, nicht in Nordamerika“, sagt Yassin im Interview.

NAS Daily soll sich nach dem Willen seines Gründers perspektivisch zumindest tendenziell von der Person Nuseir Yassin lösen. Die wachsenden Aufgaben sollen verteilt, das Gesicht des Unternehmens diverser werden. Im Vordergrund – neben den kreativen Köpfen – steht die Entwicklung neuer (Video-)Produkte für diverse Märkte. Gegründet wurde zu diesem Zweck auch eine eigene Academy: ein einmonatiges Hospitanzprogramm am Firmensitz in Singapur mit Fokus auf Storytelling, Umgang mit Kameras und Videobearbeitung. Die Unternehmensperspektive bleibt global, die Inhalte konstruktiv, doch die (An-)Sprache und die Themen werden regionaler: für Vietnam, die Philippinen, Thailand gibt es schon Kanäle mit sechs bis siebenstelligen Abonnentenzahlen. Ausgaben für die Arabisch und Spanisch sprechende Welt wachsen. Mittlerweile zeigen Yassins T-Shirts den Ladebalken bei 36% – noch ist Zeit.

Mehr Trendreport vom VOCER Millennial Lab:

Shell Jugendstudie 2019: Das Ringen um Vertrauen und Klarheit

Die Shell Jugendstudie zeigt in einem Abstand von vier bis fünf Jahren, wie sich die Lebenssituationen, Einstellungen, aber auch das Handeln von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 12 bis 25 Jahren vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandelns verändern. Erklärtes Ziel der Forscher um Studienleiter Mathias Albert, Politikwissenschaftler an der Universität Bielefeld, ist der Anstoß gesellschaftlicher und politischer Diskussionen. Aktuelle Erkenntnisse über Ansichten, Ziele und Wünsche junger Menschen sind vor dem Hintergrund eines erstarkenden Populismus, einer weiter zunehmenden Polarisierung im politischen Betrieb und einer Verrohung der öffentlichen Debattenkultur drängender denn je.

Das Logo des VOCER Millennial Labs

Beim Trendreporting des VOCER Millennial Labs recherchieren und analysieren wir den Markt der Medienangebote, die sich an Millennials richten, fassen relevante Studien zusammen und geben internationale Einblicke in den Journalismus für neue Zielgruppen. In diesem Beitrag beleuchten wir die relevanten Ergebnisse Shell Jugendstudie 2019.

Die Studie stellt eine Bevölkerungskohorte in den Mittelpunkt, die sich zwischen Pubertät und Berufseinstieg befindet. In diesen Lebensphasen beginnt der selbständige Aufbau eines sozialen Beziehungsgeflechts, es finden Schul- bzw. Reifeprüfungen statt, eine Ausbildung und/oder ein Studium wird begonnen, in den Beruf gestartet. Für Jugendliche und junge Erwachsene ist die damit einhergehende persönliche Entwicklung mit einem hohen Orientierungsbedürfnis verbunden. Die zwischen 1993 und 2006 Geborenen kennen keine Medienumgebung ohne das Internet. Ihre Sozialisation wird wie die keiner Generation zuvor von digitalen Medien zur Kommunikation, Information und Unterhaltung bestimmt.

Entsprechend unterstreicht die aktuelle Welle der Langzeitstudie, welche Schlüsselrolle die tiefgreifende Prägung von Kultur und Gesellschaft durch technische Kommunikationsmedien bis in die alltäglichen Lebenswelten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen hinein spielt:

  • Die Freizeitgestaltung wird klar von der Mediennutzung bestimmt: Waren 2015 die „Freizeitfreaks“ nur die zweitgrößte Gruppe in den Reihen der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, machen die „Medienfokussierten“ nun die größte Gruppe in der Freizeittypologie der Shell Jugendstudie aus. 37% der Befragten werden diesem Typus zugeordnet und zeichnet sich durch überdurchschnittlich lange Nutzungszeiten und eine vielseitige Nutzung von Medienangeboten aus. Und: Es sind vor allem die Jüngeren der jungen Zielgruppe. Musik zu hören steht bei allen Befragten immer noch an oberster Stelle, gefolgt von „Im Internet surfen“, das auf jede*n Zweite*n zutrifft. Hier stehen Streaming-Dienste sowohl für Musik, aber auch für Videos, Filme und Serien im Vordergrund – hier gab es einen deutlichen Anstieg im Vergleich zur letzten Erhebung von vor vier Jahren. Soziale Medien nutzen weiterhin etwas mehr als ein Drittel regelmäßig im Wochenverlauf – ebenso wie das (lineare) Fernsehen, das stark an Popularität eingebüßt hat. Die Mediennutzung geht klar zu Lasten realweltlicher Aktivitäten wie Freunde zu treffen, Sport zu treiben oder in Clubs oder zu Partys zu gehen. Fühlen sich junge Menschen deshalb einsamer? Nein, nur ist festzustellen, dass Jugendliche, die sich häufig einsam fühlen, tendenziell länger am Tag im Netz unterwegs sind.
  • Im Internet aktiv sind Jugendliche und junge Erwachsene nach ihrer Selbsteinschätzung durchschnittlich 3,7 Stunden am Tag, wobei hierbei unberücksichtigt bleiben dürfte, dass sie – ‚always on‘ – üblicherweise andauernd mit ihren Smartphones vernetzt sind. Im Netz zu sein ist gemäß der Studienergebnisse zur Normalität geworden. Nur ein Drittel nutzen das Internet täglich weniger als zwei Stunden. Das Smartphone ist für 70% aller Befragten ihr bevorzugtes Vehikel ins Netz, knapp jede*r Fünfte geht mit einem Laptop oder Tablet online. Die Ergebnisse zeichnen das Bild einer mobilen Jugend, deren Medienerleben durch vergleichsweise kleine Bildschirme und situative Nutzungskontexte geprägt ist, bei denen Medien- und Alltagshandeln stark miteinander verwoben sind.
  • Die mit Abstand wichtigste Online-Aktivität ist die Kommunikation mit Freunden und Familie. Eltern bilden für die meisten Befragten eine wichtige Orientierung bei der Entwicklung der eigenen Zukunftspläne: Die überwiegende Zahl möchte „genau so“ oder „ungefähr so“ später die eigenen Kinder erziehen, wie die ihre Eltern sie erzogen haben. Wie wichtig für junge Menschen die Pflege ihrer sozialen Beziehungen ist, lässt sich daran ablesen, dass 80% der Befragten mehrmals am Tag Messengerdienste wie WhatsApp (oder andere) nutzen, 94% mindestens einmal am Tag. Für nahezu alle befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind gute Freunde (97%), eine vertrauensvolle Partnerschaft (94%) und ein gutes Familienleben (90%) die wichtigsten Themen.
  • Soziale Netzwerke sind und bleiben wichtig, allen voran Facebook und YouTube, die vier von fünf Befragten mindestens einmal am Tag frequentieren. Die Studie stellt unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen dabei auch ein weiter gewachsenes Problembewusstsein hinsichtlich des Umgangs von Technologie- und Medienkonzernen mit ihren persönlichen Daten fest. Drei von fünf Befragten sehen das Geschäft mit digitalen Nutzungsdaten kritisch und befürchten, die Kontrolle über ihre eigenen personenbezogenen Daten zu verlieren oder nicht mehr zu haben. Konsequenzen ziehen jedoch die wenigsten daraus: Weniger als ein Drittel konsultiert die Datenschutzerklärungen oder -einstellungen vor der Nutzung der Plattformanbieter.
  • Jeder zweite kennt das Phänomen von Fake News, häufiger noch ist bekannt, dass Hassrede im Internet grassiert. Für die Autor*innen der Studie ist das ein Grund, weshalb etwa zwei Drittel der jungen Leute Facebook und Twitter als weniger oder nicht vertrauenswürdig einstufen. Selbst beteiligen sich junge Menschen dagegen nur recht selten durch die Erstellung von Medieninhalten, sondern zeigen sich überwiegend als Konsumenten derselben. Nur etwa jede*r zehnte Befragte nutzt das Internet einmal täglich auf gestalterische Weise, um beispielsweise eigene Fotos, Videos, Musik oder Blogbeiträge zu veröffentlichen. Gerade dieser Teil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die das Internet besonders intensiv und vielseitig nutzen und sich selbst mit Beiträgen hauptsächlich in sozialen Netzwerken inszenieren, werden in der Nutzertypologie der Studie als weitgehend unkritisch und tendenziell abhängig von Internet und Smartphone beschrieben: Überdurchschnittlich hoch ist der Anteil von jungen Leuten aus unteren Sozialschichten und mit Migrationshintergrund. Diese Gruppe zeigt sich auch tendenziell misstrauischer als die übrigen Altersgenossen gegenüber Nachrichteninhalten klassischer Medienanbieter, wohingegen Informationen aus den Newsfeeds sozialer Netzwerke bei ihnen weit mehr Vertrauen genießen (v.a. für Facebook und Twitter zeigen sich im Vergleich zu den übrigen Nutzungstypen deutlich höhere Zustimmungswerte).
  • Unterhaltung steht in der medialen Freizeitgestaltung zwar im Vordergrund (insbesondere die Musik), doch suchen nach eigener Aussage immerhin 71% mindestens einmal am Tag nach Informationen im Internet, ob nun aus Neugierde, um mitreden zu können, für Schule, Ausbildung oder Beruf oder um sich gezielt über Politik und Gesellschaft zu informieren. Besonders interessiert an Politik zeigen sich vornehmlich höher gebildete Jugendliche und junge Erwachsene, solche mit absolviertem oder angestrebtem Hauptschluss im Vergleich zu früheren Erhebungen zwar etwas mehr, aber weiterhin nur in geringen Anteilen. Um sich politisch zu informieren, werden vor allem Fernsehsendungen (23%) geschaut und Nachrichten-Websites und Push-Services im Internet (20%) genutzt. Radiosendungen und Podcasts (15%) bzw. gedruckte Zeitungen und Zeitschriften (15%) bzw. soziale Netzwerke oder Messenger-Apps (14%) bzw. Google oder andere Suchmaschinen (14%) liegen fast gleichauf. Politische Informationen auf YouTube erreichen dagegen nur 9% der jungen Menschen.
  • Mit Blick auf die Online-Nutzung sind sogenannte Intensiv-Allrounder, die sich lange und konzentriert im Netz aufhalten (im Mittel 4,3 Stunden täglich) und überdurchschnittlich aktiv Informationen suchen und verarbeiten, den Ergebnissen der Studie nach älter, überwiegend männlich, höher gebildet und stammen aus einem oberen sozialen Milieu. Dies trifft auf ungefähr jede*n fünfte*n Befragte*n zu. Etwa jede*r vierte Befragte gehört zu den sogenannten Funktionsnutzern, die recht zielgerichtet Messenger- und Informationsdienste im Netz suchen und eine ausgeprägtere kritische Haltung gegenüber dem Netz an den Tag legen. Auch dieser Gruppe gehören überdurchschnittlich viele junge Leute einer oberen sozialen Herkunftsschicht an.
  • Vertrauen in klassische Medienangebote – wie in die Nachrichtensendungen von ARD und ZDF oder die Inhalte großer überregionaler Tageszeitungen – haben die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Im Vergleich mit den Zustimmungswerten für Social Media-Plattformen zeigt sich hier ein deutlicher Vorsprung. Gleichwohl ist die Diskrepanz zwischen zugeschriebenen Vertrauenswerten und einer zurückhaltenden Nutzung von klassischen Medienangeboten nicht von der Hand zu weisen. Bei der Dominanz sozialer Netzwerke in der täglichen Internet-Nutzung (81%) fällt auf, dass immerhin 43% der Befragten YouTube das höchste Vertrauen unter den Plattformanbietern zuschreiben.
  • Trotz des diagnostizierten Pragmatismus, der der Jugend seit der viel beachteten Jugendstudie aus dem Jahr 2002 anhaftet, wächst im jüngeren Teil der Bevölkerung ein Bewusstsein, dass es wichtig sei, sich politisch zu engagieren. Hier sind Themen und Werte leitend, die direkt mit den Lebensumständen der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, ihren Zukunftspläne und Ängsten in Zusammenhang stehen: Sorgen ranken sich vorrangig um Umweltverschmutzung und Klimawandel, aber auch um Zuwanderung und Fremdenfeindlichkeit. Zwar sind sie generell zufrieden mit dem Zustand der Demokratie in Deutschland, aber unzufrieden mit dem politischen Personal, was eine fortgesetzte Politikverdrossenheit begründet. Dennoch zeigt sich die Jugend ehrgeiziger hinsichtlich der Verbesserung ihrer Zukunftschancen und bereit, beispielsweise durch die Beteiligung an Demonstrationen für den Klimaschutz auch dafür zu streiten.
  • Zudem haben die Autor*innen der Studie versucht mit einem Populismus-Score zu ermitteln, wie empfänglich junge Menschen für polarisierende und undifferenzierte Botschaften zu politischen Themen sind. Dabei wird deutlich, dass populistische Aussagen eher bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit niedrigem Bildungsgrad auf offene Ohren und Zustimmung stoßen als bei höher gebildeten Befragten. Beurteilt werden sollten Aussagen wie „Die Regierung verschweigt der Bevölkerung die Wahrheit“ (ja/eher ja: 53%), „In Deutschland darf man nichts Schlechtes über Ausländer sagen, ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden“ (ja/eher ja: 68%) oder „Ich finde es gut, dass Deutschland viele Flüchtlinge aufgenommen hat“ (ja/eher ja: 57%). Die Ergebnisse zeigen, wie populistische Botschaften, die sich mit affektiven Aussagen schnell über das Social Web verbreiten, leicht hohe Zustimmungswerte erzielen können, speziell auch bei jungen Menschen, die in vielen Fällen noch keine reflektierte Haltung zum betreffenden Thema entwickelt haben.

Fazit

Was bedeuten die Ergebnisse der repräsentativen Shell Jugendstudie 2019 für die Nutzung von journalistischen Inhalten? Als Gradmesser für relevante Themen und Einstellungen junger Menschen bietet die Studie Charakterisierungsmerkmale, die Journalist*innen wichtige Ansatzpunkte geben, um ihre Angebote versierter auf das Publikum von morgen zuzuschneiden:

  • Mediennutzung ist für junge Leute vor allem Freizeitbeschäftigung. Um ihre Gunst konkurriert ein Potpourri an Unterhaltungsangeboten und Informationsquellen, und die wenigsten Jugendlichen und jungen Erwachsenen bringen sich als loyale Nutzer*innen einer Medienmarke auf den neuesten Stand, sondern wählen häufig situativ aus dem Überangebot an Inhalten aus. Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit, die klar und niedrigschwellig vermittelt wird, sind hierbei wichtige Voraussetzungen, um von jungen Nutzer*innen bei der Informationssuche einbezogen zu werden. Unterhaltsamkeit und grelles Audience Engagement mögen kurzfristig Aufmerksamkeit lenken, aber nicht das eigentliche Bedürfnis der jungen Zielgruppe nach Seriosität und Differenziertheit vor allem bei gesellschaftlichen und politischen Reizthemen bedienen.
  • Die direkte wechselseitige Kommunikation mit Freunden und Verwandten ist jungen Menschen wichtiger denn je und prägt das alltägliche Medienhandeln wie kein anderes Nutzungsmotiv. War es früher in der Altersgruppe das gemeinsame Fernsehen oder das morgendliche Herumreichen der Tageszeitung am Frühstückstisch, sind Nachrichtenanbieter heute darauf angewiesen, dass ihre Beiträge unter Peers und in der Familie geteilt und empfohlen werden – praktischerweise über die einschlägigen Messengerdienste. Darauf lässt auch die starke Orientierung von Jugendlichen am Verhalten und den Lebenseinstellungen ihrer Eltern schließen. Gute Freunde haben als wichtigste Bezugspersonen abseits der Familie ohnehin eine nicht zu unterschätzende Ratgeberfunktion. Redaktionen empfiehlt es sich deshalb, der kollektiven Praxis des Teilens in ihrer Distributionsstrategie mehr Gewicht zuzubilligen und entsprechende Schnittstellen plattformübergreifend auszubauen.
  • Die Autor*innen der Shell Jugendstudie zeigen sich überzeugt, „dass die große Mehrheit der Jugendlichen, die sich aktiv über Politik informieren, trotz der Online-Präferenz ebenfalls Nachrichten journalistischen Ursprungs, für die in der Regel Redakteure Informationen recherchieren, nutzen und in ihre Meinungsbildung mit einbeziehen.“ Das macht Mut, doch bleibt die Frage nach Form und Qualität der journalistischen Inhalte unbeantwortet. Auch ergibt die Studie, dass sich der größere Teil nicht politisch interessiert zeigt und sich dementsprechend 62% der jungen Leute nicht aktiv politisch informieren. Um die Zielgruppe in ihrer Breite und Heterogenität zu erreichen, gilt es Konzepte und Methoden zu entwickeln und anzuwenden, die auch solche Mediennutzer*innen für qualitativ hochwertigen Journalismus interessieren, die in ihrem Alltag und Elternhaus bislang nicht oder kaum mit Nachrichtenangeboten erreicht werden. Das VOCER Millennial Lab hat hierzu eine methodische Vorgehensweise entwickelt, die Journalist*innen auf Grundlage von Co-Creation-, Ideation- und Design-Thinking-Ansätzen handwerkliche Kompetenzen zur gemeinsamen Ideen- und Formatentwicklung mit journalismusfernen Mediennutzer*innen vermittelt und testen lässt.
  • Themeninteressen und Werteauffassungen sind klassische Bezugspunkte für die journalistische Praxis. Positiv konnotiert sind Themen, die mit dem direkten sozialen Umfeld in Berührung stehen, negativ dagegen solche, die mit gesellschaftlichen bis hin zu globalen Reiz- und Problemfragen zusammenhängen und (meist diffuse) Ängste auslösen. Für Journalist*innen folgt hieraus die Notwendigkeit, Gerüchte, Theorien und Behauptungen aktiv zu dekonstruieren. Darüber hinaus bietet sich die Gelegenheit, konstruktiv und lösungsorientiert zu berichten und damit einen hohen Anwendungsbezug auf individueller Ebene der einzelnen Nutzer*innen in ihrem Freundes- und Familienkreis herzustellen. Auf diese Weise werden komplexe und häufig abstrakte Themen verständlicher und sind durch den nahen Bezug zur Lebenswirklichkeit junger Menschen von diesen einfacher anzueignen.
  • Populismus ist ein Faktor im Informationsverhalten junger Menschen, auch weil vorhandene Ängste bedient werden. Die Jugend oszilliert den Studienergebnissen zufolge im Jahr 2019 zwischen Weltoffenheit und Nationalpopulismus. Durch die lange Medienzeit, die im Social Web verbracht wird, stürmen zwangsläufig Beiträge unterschiedlichster Art und Quelle auf die Nutzer*innen ein. Jungen Internet-Nutzer*innen fehlt trotz verbreiteter Kenntnis der Phänomene Fake News oder Hate Speech in der Regel die Fähigkeit zur kritischen Einordnung. Die Förderung von Nachrichtenkompetenz, begonnen mit der Fähigkeit journalistische Beiträge im Wust digitaler Inhalte erkennen zu können, zielgerichtet für das eigene Informationsbedürfnis auszuwählen und bestenfalls durch den Vergleich unterschiedlicher Quellen eine reflektierte und kritische Haltung zu Themen und Aussagen zu entwickeln, ist ein Prozess, in dem auch Journalist*innen und Nachrichtenorganisationen ihre Rolle finden können und aus eigenen Interessen an einem aufgeklärten wertschätzenden Publikum heraus aktiv definieren sollten.

Albert, Mathias/Hurrelmann, Klaus/Quenzel, Gudrun/Kantar (2019): Jugend 2019: Eine Generation meldet sich zu Wort. Weinheim: Belz, ISBN (ebook): 978-3-407-83179-8; ISBN (Print): 978-3-407-83195-8. Verlagswebsite