Langzeitstudie Massenkommunikation und ARD/ZDF-Onlinestudie: Schöne digitale Videowelt

Immer mehr Menschen in Deutschland nutzen das Internet. Längst kann nicht mehr nur von einer neuen Mediengattung gesprochen werden: Es gibt nicht mehr ‚das‘ Internet, vielmehr stellt die technische Infrastruktur des digitalen Netzes ein Füllhorn an Funktionalitäten bereit, die umfassend das gesellschaftliche und kulturelle Leben prägen. Online-Kommunikation wird so vielfältig praktiziert wie digitale Medieninhalte für das Internet produziert und angeeignet werden.

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Beim Trendreporting des VOCER Millennial Labs recherchieren und analysieren wir den Markt der Medienangebote, die sich an Millennials richten, fassen relevante Studien zusammen und geben internationale Einblicke in den Journalismus für neue Zielgruppen. In diesem Beitrag beleuchten wir die relevanten Ergebnisse der „Langzeitstudie Massenkommunikation“ und der ARD/ZDF-Onlinestudie.

Diese grundlegenden Transformationsprozesse von Medienumgebung und Mediennutzung fordern Längsschnittstudien heraus, die Wandel aus Gründen der Vergleichbarkeit nur mit klaren Bezugskategorien abbilden können. Mit der Langzeitstudie Massenkommunikation werden im Auftrag der ARD/ZDF-Forschungskommission schon seit Anfang der 1960er-Jahre im Fünfjahresrhythmus Personen ab einem Alter von 14 Jahren zu ihrem Mediennutzungsverhalten und ihren Einschätzungen gegenüber Medienangeboten in ganzer Breite befragt. Sie liefert zuverlässig Eindrücke einer sich kontinuierlich wandelnden Mediengesellschaft aus Sicht der mediennutzenden Bevölkerung. Seit 1997 erscheint zudem jährlich die ARD/ZDF-Onlinestudie mit detailliertem Fokus auf die Internetnutzung in Deutschland. Jährlich erscheinen seit 2017 außerdem die Massenkommunikation Trends, um die übergreifenden zunehmend rasanteren Veränderungen der analogen und digitalen Medienbranche genauer dokumentieren zu können.

Sowohl die Langzeitstudie als auch die Onlinestudie warten in diesem Jahr mit neuen Erhebungsdaten auf, die bestimmte Trends, die sich in den Vorjahren bereits abzeichneten, fortschreiben und einige neue Ausschläge verzeichnen, die für die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten und die strategische Weiterentwicklung von Nachrichtenangeboten relevant sind.

Die wichtigsten Ergebnisse der aktuellen Erhebung der Langzeitstudie Massenkommunikation und der ARD-ZDF Onlinestudie sind in dieser Hinsicht mit Blick auf die junge Zielgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen:

Tiefgreifende Mediatisierung: Eine der gravierendsten Veränderungen wurde in der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen mit der fast vollständigen Durchsättigung des Lebensalltags registriert. Nie wurde eine höhere durchschnittliche Mediennutzungsdauer pro Tag ermittelt als in der aktuellen Erhebung der Langzeitstudie Massenkommunikation. Der Medienkonsum von Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat sich im Tagesverlauf stetig ausgeweitet: Netto verbringen die 14- bis 29-Jährhigen zwar wie schon 2010 und 2015 etwa achteinhalb Stunden am Tag mit Medien, doch Brutto-Nutzungsdauer schnellte durch eine stark intensivierte Parallelnutzung mehrerer Medien auf einen Rekordwert von nahezu zehneinhalb Stunden (621 Minuten) – eine Stunde mehr als noch vor fünf Jahren. Das heißt: Jugendliche und junge Erwachsene chatten zum Beispiel häufiger beim Schauen einer Netflix-Serie über WhatsApp mit ihrem Freundeskreis oder verbringen ihre Zeit gleichzeitig mit Musikhören und Gaming. Gesprochen wird hier von verdichteter Nutzung – mit dem Risiko einer zunehmend beiläufigen Aneignung der konsumierten Inhalte. Der Alltag der jüngeren Bevölkerung ist demnach nicht mehr ohne technische Kommunikationsmedien vorstellbar. Der Corona-Lockdown hat hier sicherlich zur weiteren Verdichtung beigetragen, nichtsdestotrotz setzt sich ein Trend fort, der bereits seit einem Jahrzehnt abzeichnet.

Umfassend vernetzt: Digitale Medienangebote sind durch die mobilen Nutzungsmöglichkeiten mittlerweile durch den Ausbau der Breitbandnetze omnipräsent – insbesondere im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Gedruckte Periodika wie Tageszeitungen und Zeitschriften brauchen nur noch unter ferner liefen verbucht werden (6 Prozent Nutzung in der Altersgruppe). Allerdings fallen neuerdings auch die klassischen elektronischen Medien noch deutlicher ab als zuvor: Fernsehen und Radio von jeweils über 70 Prozent im Jahr 2015 auf aktuell nur noch 38 Prozent bzw. 51 Prozent in den Reihen der Generation Z und Generation Y/ Millennials. Unmissverständliche 97 Prozent der umworbenen Zielgruppe sind täglich im Internet (im Vergleich zu 72 Prozent aller Befragten). Sie nutzen Internetdienste 388 Minuten am Tag (etwa 90 Prozent länger als die Gesamtzahl der Befragten), davon entfallen auf mediale Inhalte 257 Minuten, was mehr als das Doppelte im Vergleich zu allen Befragten ausmacht. Und: Während nur jeder zweite Befragte täglich das sogenannte mediale Internet nutzt, also produzierte Medieninhalte rezipiert, sind es unter den Jüngeren neun von zehn. Der Unterschied kann auch daran festgemacht werden, dass für 57 Prozent der Gesamtbevölkerung ab 14 Jahren analoge Medien ins Repertoire gehören, bei den Jüngeren jedoch nur für jeden Vierten bis Fünften.

Online tagein, tagaus: Als entscheidenden Treiber dieses generellen Nutzungszuwachses bezeichnen die Autor*innen der Studie die Allgegenwärtigkeit digital vernetzter Medientechnologie, die hauptsächlich durch die gewachsene Bedeutung sozialer Medien in der Nutzung die Grenzen zwischen Individual- und Massenkommunikation verwischen: Bereits am frühen Morgen greift die jüngere Bevölkerung mehrheitlich zum Smartphone, um sich online zu informieren oder zu unterhalten, und legt das Gerät erst auf den Nachttisch, wenn das Licht längst erloschen ist. Im Vergleich zu den übrigen Mediengattungen bleibt die Internetnutzung auch über den Tag hinweg auf hohem Niveau konstant und nimmt erst wieder am späten Abend ab. Auch hier ist ein deutlicher Unterschied zur Gesamtbevölkerung festzustellen, bei der die durchschnittliche Internetnutzung im Tagesverlauf nur einen Bruchteil der Reichweite erzielt und bei der die traditionellen Mediengattungen zu den klassischen Nutzungszeiten am Morgen (Zeitung, Radio) und Abend (Fernsehen) – wenn auch abflauend – ihre Relevanz behaupten.

Sag‘ mir, was hält dich hier? Die Forschungsgruppe verzichtete bei der aktuellen Erhebung aus vornehmlich pragmatischen Gründen auf einige Fragestellungen, überaschenderweise auch auf die nach der Bindung an bestimmte Medienangebote. Im Jahr 2015 wurde noch ermittelt, wie maßgeblich die persönliche Bindung an das Internet als technologische Infrastruktur mediatisierter Kommunikation bei jungen Nutzer*innen damit zusammenhängt, dass sie ihren zwischenmenschlichen Austausch in wesentlichen Teilen online praktizieren. Für Nutzer*innen unter 30 war vor fünf Jahren wechselseitige Kommunikation (chatten, posten, E-Mails verschicken oder Messaging-Dienste nutzen) mit großem Abstand die wichtigste Online-Beschäftigung: 87 Prozent der Befragten gaben damals an, dass sie es vermissen würden, über das Internet zu kommunizieren, wohingegen nur 38 Prozent das Lesen von Zeitungs-Websites und vier von zehn Befragten Nachrichten bei Suchmaschinen oder Internet-Providern fehlen würden. Während zwei Drittel der 14- bis 29-Jährigen das Internet nicht mehr missen mochten, war es nur knapp die Hälfte der 30- bis 49-Jährigen und weniger als ein Drittel der über 50-Jährigen. Die Bedeutung zwischenmenschlicher Direktkommunikation über das Netz kann aktuell noch über die hohe Bedeutung der entsprechenden Apps und Portale wie WhatsApp (92 Prozent der Jüngeren), Instagram (53 Prozent) und Snapchat (27 Prozent) in der täglichen Nutzung abgeleitet werden.

Der demographische Bruch in der Bewegtbildnutzung: Nirgendwo zeigen sich die unterschiedlichen Gewohnheiten in der Art der Mediennutzung deutlicher als im Direktvergleich zwischen Menschen jünger als und solchen jenseits der 30: Während das lineare Programmfernsehen in Corona-Zeiten im Gesamtmittel der Befragten ab 14 Jahren mit Abstand die stärkste regelmäßig genutzte Anlaufstelle für Bewegtbild bleibt, verzeichnen YouTube und Streamingdienste das größte Nutzerpotenzial im Internet. Hier ist die jüngste befragte Altersgruppe Vorreiter: 79 Prozent der 14- bis 29-Jährigen sehen regelmäßig Videos auf YouTube, 71 Prozent bei (anderen) Streamingdiensten – deutlich mehr als lineares Fernsehprogramm (54 Prozent). Bei den übrigen Altersgruppen liegt das klassische Programmfernsehen deutlich vorn, obwohl es im Langzeitvergleich rückläufige Werte erzielt und mittlerweile auf dem Reichweitenniveau von 1985 liegt. Bei jungen Menschen liegt Video nun erstmals vor Audio: Die Wahrnehmungskategorie Sehen hat hier mit sieben Prozentpunkten in den vergangenen fünf Jahren einen enormen Zuwachs verzeichnet und prägt bei 46 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen das tägliche Medienmenü (44 Prozent Audio, 10 Prozent Text). Alle Online-Videoangebote zusammengenommen verzeichnen einen Allzeithoch im Zuspruch bei 98 Prozent der jüngeren Nutzer*innen (im Vergleich zu etwas mehr als zwei Drittel aller Befragten).

Radio vs. Streaming: Hatte sich das lineare Radio in weiten Teilen der Bevölkerung einen vermeintlich zukunftsfähigen Platz als (auto)mobiler Begleiter gesichert, zeigt sich in der häuslich geprägten Phase der Corona-Pandemie die Stärke der Musikstreaming-Dienste. Im Vergleich zum Vorjahr ist hier eine deutliche Verschiebung zu registrieren: Radio sackt weiter ab auf knapp 36 Minuten pro Tag, Streaming dagegen wächst von 32 auf 44 Minuten. Bei 80 Prozent der jungen Menschen dominiert Streaming das Musikerleben – allen voran Spotify. Doch auch YouTube hat sich mit seinem Music-Dienst in Stellung gebracht und wird als Zweitplatzierter von ungefähr jedem zehnten jungen Befragten gehört. Ältere Befragte nutzen diese Abo-Services nur zu 42 Prozent (30-49 Jahre) bzw. 12 Prozent (50+ Jahre).

Podcasts zeigen stabile Entwicklung: Podcasts als sprachzentrierte Audioinhalte profitieren offenbar nicht überschwänglich von dem allgemeinen Trend zu Online-On-Demand-Streaming. Sie erreichen weiterhin wie im Vorjahr etwa ein Viertel der jungen Nutzer*innen und 12 Prozent aller Befragten ab 14 Jahren.

Wer mehr sieht und hört, hat weniger Zeit zum Lesen. Die steigenden Nutzungszahlen von Bewegtbild und Audio scheinen zu Lasten des Lesens zu gehen: Junge Leute nutzen Textinhalte im Internet wesentlich kürzer an einem Durchschnittstag wie vor fünf Jahren (24 statt 49 Minuten). Das Studienteam ist sich selbst unsicher, ob es sich dabei um einen Trend handele, der sich „in einer verminderten Bedeutung von redaktionellen Texten“ ausdrücke.

Plattformen als dynamische Dreh- und Angelpunkte: Instagram liegt nach dem Messaging-Dienst WhatsApp weit vorn in der Gunst der Teenager und Twentysomethings: Mehr als zwei Drittel von ihnen geben an, das einstmalige Fotonetzwerk täglich zu besuchen. Instagram ist in den vergangenen Jahren immer stärker zu einem integrierten Social Network mit einer Vielzahl von Funktionalitäten und Optionen zur Nutzerinteraktion und Veröffentlichung von Medieninhalten geworden. Darauf folgen Facebook mit stetig zurückgehendem Zuspruch jüngerer Nutzer*innen (zurzeit bei 44 Prozent) und Snapchat mit bemerkenswert stabilen 41 Prozent. TikTok liegt bereits vor Twitter bei 9 Prozent. Es ist höchstwahrscheinlich, dass hier auch weiterhin eine starke Dynamik zu beobachten sein wird.

Vertrauen entpuppt sich als harte Währung: Wiederholt zeigt sich, dass junge Menschen ein ausgeprägtes Qualitätsverständnis haben und hohe Ansprüche speziell an mediale Informationsangebote richten. Dass sich dies (häufig) nicht in Tagesreichweiten und Angebotsrankings niederschlägt, ist zweifelsfrei ein ungelöstes Problem. Dennoch zeigen die Befragungsergebnisse der Langzeitstudie Massenkommunikation, wie deutlich 14- bis 29-Jährige zum Teil zwischen öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Medienanbietern unterscheiden, wenn sie darum gebeten werden, Glaubwürdigkeit und Vermittlungskompetenzen zu bewerten: Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten erzielen mit ihren Radio- und Fernsehangeboten (auch digital) in der jüngsten Altersgruppe der Befragung sogar zusammen höhere Glaubwürdigkeitswerte als im Mittel aller Befragungsteilnehmenden. Doch auch Zeitungen und Zeitschriften (als Mediengattung) erzielen Spitzenwerte. Die Streamingdienste stehen etwas zurück, können sich mit deutlich höherem Zuspruch der Jüngeren im Vergleich zum Gesamtschnitt aber im Mittelfeld behaupten. Soziale Medien hingegen liegen abgeschlagen auf den hinteren Plätzen: Weniger als ein Drittel der jüngeren Befragten meint, dass Instagram, Facebook etc. glaubwürdige Inhalte bieten. Relevante Themen schreiben die 14- bis 29-Jährigen hauptsächlich und noch stärker den Printmedien zu als den öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehanbietern, wobei sie sich bei politischen Informationen am ehesten für ein öffentlich-rechtliches Nachrichtenangebot entscheiden. Bedeutsam ist auch, dass für 67 Prozent der Jüngeren die Medienrealität ihrer eigenen Wahrnehmung der Welt entspricht – hier liegen sie gleichauf mit den Befragten jenseits der 70. Bei den Jungen gibt es nur wenige Zweifler.

Fazit

Journalistinnen und Journalisten werben mit vielen frischen Ideen, relevanten Themen und einer beeindruckenden Formenvielfalt darum, von jungen Menschen im Netz wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden. Ihre Inhalte erreichen aber nur zu selten die gesuchte Zielgruppe. Was sagen die gesammelten Ergebnisse der Langzeitstudie Massenkommunikation und der ARD/ZDF-Onlinestudie über aktuelle Chancen und aussichtsreiche Ansätze?

  1. Orientierung bieten
    Angehörige der Generation Z (bis Anfang 20) und die etwas älteren Millennials haben ein immenses Interesse an Nachrichten. Ihre Lebensphasen verlangen ihnen ein erhöhtes Maß an Orientierung in vielen für sie bislang unbekannten Themenfeldern und der Welt als solche ab. Doch nur es fehlt die Zeit: Pubertät, Schulabschluss, Abnabelung vom elterlichen Lebensraum, berufliche Ausbildung, Studium, Jobeinstieg und Familiengründung. Schon immer war es schwer, in diesen Phasen extrem verdichteten Lebenswandels junge Menschen mittel- bis langfristig an konkrete Informationsquellen zu binden. Unter dem Eindruck allgegenwärtiger digitaler Mediennutzung mit einem hochgradig ausdifferenzierten Medienangebot entscheidet vielfach nicht nur die Erkennbarkeit journalistischer Inhalte über Erfolg oder Misserfolg eines Angebots, sondern auch das Lustprinzip: eine attraktive Abgrenzung gegenüber all dem, was digitalmedial lockt und reizt. Zumindest die Ausgangslage erscheint günstig: Junge Menschen schätzen die Glaubwürdigkeit etablierter Nachrichtenorganisationen hoch ein, höher gar als ihre Eltern und Großeltern. Sie hören Podcasts, lesen, wenn auch weniger, aber sehr gezielt, Texte im Internet. Und sie informieren sich in steigendem Maße über Bewegtbildangebote im Netz.
  2. Nachrichtenkompetenz fördern
    Damit es nicht bei einer bloßen Hoffnung bleibt, dass Jugendliche und junge Erwachsene bei drängendem Informationsbedarf ihren Weg zum passenden professionellen Nachrichtenangebot finden, gilt es, weiter für den Wert journalistischer Inhalte zu sensibilisieren. Es bleibt eine große (gemeinsame) Aufgabe von Bildungspolitik, schulischer Bildung und auch journalistischer Praxis, Nachrichtenkompetenz zu fördern; denn es ist heutzutage schwerer denn je, in den Social-Media-‚Newsfeeds‘ und -‚Timelines‘ qualitativ untadelige Nachrichteninhalte zu erkennen. Journalistische Inhalte fristen in der unablässigen Abfolge unterschiedlichster Postings ein Schattendasein. Wer nicht aktiv sucht oder seine Informationsroutinen zielgerichtet ausrichtet, hat Schwierigkeiten, für sich relevante Berichterstattung aufzufinden. Nachrichtenkonsum verkommt dadurch leicht zur intellektuellen Herkulesaufgabe – denn der Reflexionsgrad, der Online-Publika abverlangt wird, ist angesichts der schnell überfordernden Masse an Inhalten enorm.
  3. Lösungsorientiert berichten
    Die volatilen Veränderungen der digitalen Medienumgebung sind (auch) für junge digitalaffine Menschen eine Quelle von Stress – eine Tendenz, die sich während des Corona-Lockdowns noch verstärkt haben dürfte. Bei einer medialen Übersäuerung – auch durch das nachrichtliche Brennglas auf dräuende Pandemiestatistiken – ist eine Übersteuerung der Mediennutzung hin zu Unterhaltungs- und Zerstreuungsangeboten wahrscheinlich. Eine solche „News Fatigue“ verlangt nach mehr als einem offenen Ohr für die Bedürfnisse des (jungen) Publikums, das sich ob des schon beinah traditionell problemlastigen und konfliktorientierten Berichterstattungsfokus von etablierten Nachrichtenangeboten abwendet, weil sie ihnen schlicht auf den Magen schlagen oder auf die Nerven gehen. Konstruktive und lösungsorientierte Ansätze im Journalismus setzen hier an und versprechen – kombiniert mit einer konsequenten Einbeziehung des Nutzerblickwinkels – relevanten Mehrwert für junge Menschen, der von ihnen wertgeschätzt wird. Es geht dabei nicht um einfache Rezepte, sondern den Versuch, Perspektiven aufzuzeigen, so kompliziert sie auch sein mögen.
  4. Werte diskutieren
    Je mehr Journalismus unter Einbeziehung sozialer Alltagswelten Jugendlicher und junger Erwachsener wertevolle Inhalte erzeugt und unter Beteiligung der Zielgruppe vermittelt, desto eher kann eine Netzwende gelingen. Ein hoher Bedarf an Wertediskussionen und haltungsorientierter Kommunikation muss nicht zwingend eine Entgrenzung journalistischer Regelstrukturen nach sich ziehen: Allerdings fehlt häufig speziell im Lokaljournalismus der direkte Draht zur jungen Bevölkerung und ihren Blick auf die weite Welt in der lokalen Lebenswirklichkeit. Transfer (Themen ‚herunterzubrechen‘) und kreative Kombinationsfreude sind alte und neue Kompetenzen, die das journalistische Rüstzeug prägen, wenn junge Menschen in ihren Köpfen Grenzen sprengen und Werte mit sich selbst und anderen aushandeln. Journalismus hat die Aufgabe, zur Aufklärung beizutragen und junge Stimmen authentisch in die gesamtgesellschaftlichen Debatten zu tragen.
  5. Don’t kill the messenger
    Nachrichtenmedien werden besonders in der aktuellen Situation angespannten gesellschaftlichen Zusammenlebens durch pandemische Infektionsschutzauflagen und politische Polarisierung als Überbringer unheilvoller Botschaften wahrgenommen. Bei jungen Menschen ist das Markenbewusstsein für Nachrichtenangebote ohnehin gering und muss erst geprägt werden. Hierbei vergeben viele Medienhäuser große Chancen, da sie sich nicht ausreichend als vielstimmige Vermittler der gesellschaftlichen Selbstverständigung verstehen, sondern als solitäre Chronisten und bestenfalls Kommentatoren dessen, was geschieht. Das macht sie nicht nur uninteressant, sondern auch zur Zielscheibe von Frustreaktionen. Dabei zeugen die hohen Glaubwürdigkeitswerte für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Presseerzeugnisse weniger von einer hohen Markenloyalität; im Gegenteil: Die tatsächlichen Nutzungswerte fallen bei jüngeren Alterskohorten im Vergleich marginal aus. Sie lassen allerdings den Schluss zu, dass es ein hohes (diffuses) Vertrauen in althergebrachte Medieninstitutionen gibt, was als Ausdruck einer verbreiteten Sehnsucht nach Nachhaltigkeit und Verlässlichkeit gewertet werden mag. Nachrichtenanbieter sollten sich deshalb ihrer Stärken als seriöse Informationsquellen besinnen und sich entsprechend profilieren – dabei aber nicht vergessen, nahbarer, zugänglicher und umgänglicher zu werden.

Mehr Trendreport vom VOCER Millennial Lab:

Die da oben!
The Doe
Screenshot von InshortsScreenshot Inshorts
Reuters Institute
Screenshot von NAS Daily
Reuters Institute for the Study of Journalism

Ausschreibung für #NETZWENDE-Award 2020 hat begonnen

Zum vierten Mal verleiht VOCER.org in Kooperation mit der Rudolf Augstein Stiftung sowie der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius den #NETZWENDE Award.

Bis 15. November 2020 können Eigenbewerbungen und Vorschläge für den mit 10.000 Euro dotierten Preis für nachhaltige Innovation im Journalismus auf der Homepage www.netzwende.org eingereicht werden.

Der #Netzwende Award fördert in Zeiten globaler Krisen die Hoffnung auf eine besser informierte digitale Gesellschaft, eine konstruktivere Debattenkultur im Netz und eine resiliente Zukunft für Journalist*innen.

Die Wege der Kommunikation, Vernetzung und Wissensgenerierung verändern sich permanent. Wir sehen das gegenwärtige Krisengeschehen jedoch als riesige Chance, Überkommenes abzuschütteln, Neues zu wagen und Risiken einzugehen. Mit dem Netzwende Award zeichnen wir deshalb gezielt journalistische Nonkonfomist*innen, Umdenker*innen, Visionär*innen und Gründer*innen aus, die davon überzeugt sind, dass neue Denkimpulse den Digitalen Journalismus weiterbringen – und dadurch Teil einer #Netzwende-Bewegung werden wollen. Wenn Ihr mehr erwartet als ein „Back to normal“, fühlt Euch jetzt aufgefordert, Projekte für den #Netzwende-Preis zu nominieren oder Euch selbst zu bewerben!

Prämiert werden digitale Projekte, Initiativen, Organisationen und Startups, die einen Unterschied machen wollen. An erster Stelle steht nicht das wachstumsstärkste Geschäftsmodell, sondern der gesellschaftliche „Impact“. Ausgeschlossen vom Bewerbungsverfahren sind einzelne Artikel oder Beiträge.

Preisträger der vergangenen Jahre waren: Social Media Watchblog(2019), MedWatch (2018) und RiffReporter (2017).

Weitere Infos zum #Netzwende Award und der Jury gibt es auf netzwende.org.

Millennial-Lab-Sonderpreis

Außerdem gibt es 2020 einen Sonderpreis für die beste Konzeptskizze aus den beiden #NETZWENDE-Workshops des VOCER Millennial Labs. Das Gewinner-Team erhält den mit 1.000 Euro dotierten Sonderpreis des #NETZWENDE Awards für die weitere Umsetzung des Konzepts. Hier gibt es mehr Infos und die Möglichkeit, sich für die Workshops zu bewerben.

Die da oben! – „Im Bundestag ist Feuer drin“

Feuer im Bundestag? Dass es dort ziemlich kontrovers oder auch witzig zugehen kann und sich Abgeordnete auch mal heiß reden, zeigt Jan Schipmann wöchentlich als Host seines jungen Politikkanals im Social Web. Gemeinsam mit ZDF-Moderatorin Aline Abboud greift er mit ernstem Gesicht und schnoddrigem Ton Debatten aus dem Deutschen Bundestag und sporadisch auch Landtagen oder dem EU-Parlament auf und zeigt mal mehr, mal weniger prägnante Redeausschnitte von Abgeordneten zu Fragen, die die Gesellschaft bewegen oder gar zu polarisieren im Stande sind: Warum werden Corona-Demos verboten und dann wieder erlaubt? Warum hilft die EU Geflüchteten nicht mehr? Wie korrupt ist der Bundestag? Und wie wahrscheinlich ist ein gesichertes Grundeinkommen? Mit „Die da oben!“ erreichen der 33-Jährige und seine 32-Jährige Kollegin regelmäßig fünfstellige Abrufzahlen, mit ihren „Best Of“-Zusammenschnitten zur Speaker-Performance ausgewählter Politiker*innen sind es bisweilen deutlich mehr.

Im Rahmen seines Trendreportings betreibt das VOCER Millennial Lab ein kontinuierliches weltweites Monitoring von innovativen Nachrichtenangeboten für junge Zielgruppen. Die Reihe Millennial Medium des Monats stellt Best Practice-Beispiele aus dem In- und Ausland vor.

„Die da oben!“ ist seit April 2019 Teil von „Funk“. So umstritten das „Junge Angebot von ARD und ZDF“, wie das ambitionierte Großprojekt für junge Zielgruppen im Arbeitstitel hieß, von Anfang an war: Der Streit um eine vermeintliche Alimentierung von YouTube-Stars, die starke Präsenz auf Social-Media-Plattformen von US-Konzernen, der – an privatwirtschaftlichen Maßstäben gemessen – hohe Jahresetat von 45 Millionen Euro scheinen viereinhalb Jahre nach dem Start im März 2016 in den Hintergrund gerückt; denn funk ist in vielerlei Maßstäben erfolgreich. Mit aktuell über 60 Formaten reicht das Spektrum des „Content-Netzwerks von ARD und ZDF“ mit seiner Zentrale in Mainz von YouTube-Sketch-Comedys, Gaming-Formaten und Facebook-Live-Shows bis hin zu anspruchsvollen und reportagigen Magazin- und Nachrichtenformaten, deren Stärken im Recherchejournalismus liegen.

Die Medienforschung des Südwestdeutschen Rundfunks (SWR) und jene des ZDF ermittelten, dass annähernd drei Viertel der jungen Zielgruppe, die in ihrer Diversität teils der Generation Z, teils der Generation Y oder Millennials zugerechnet werden, das Angebot von „Funk“ kennen. „Wir müssen einen 14-Jährigen genauso wie einen 29-Jährigen erreichen. Das ist ein riesiges Feld. Das an einer Plattform zu machen, halten wir für komplett utopisch“, erklärte Geschäftsführer Florian Hager, aus der Programmleitung von Arte kam, zum Launch von „Funk“.  Vize-Geschäftsführerin Sophie Burkhardt ergänzt: „,Funk‘ ist ein Prisma: Wenn ich jetzt 14 bin, ist Funk für mich etwas Anderes, als wenn ich 24 bin. Wenn ich ein junger Mann bin ist es etwas anders, als wenn ich eine junge Frau bin. Je nachdem, aus welcher Perspektive ich darauf schaue, sieht Funk anders aus. Und das ist durchaus so gewollt. ‚Funk‘, das sind viele kreative Menschen, die im Internet Videoprojekte machen, die nur dort stattfinden und nur mit ‚Funk‘.“

Nicht grell laut, aber lustig ernst

In diesem Prisma leuchtet das Redehighlights-Format „Die da oben!“ nicht am grellsten, auch nicht am lautesten. Unter den aktuellen „Funk“-Formaten aus dem Newssegment belegt es auch bei den Followerzahlen nicht den Spitzenplatz. „Funk“-Formate empfehlen sich gern untereinander. Als die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim auf ihrem vielbeachteten Kanal „maiLab“ den unterhaltsamen Blick von Abboud und Schipmann in den Bundestag lobte, gab es einen Schub in den Abonenntenzahlen und viele digitale Kekse in den Kommentarspalten.  Innerhalb von eineinhalb Jahren haben sich die Parlamentsberichte bereits ein loyales und diskussionsfreudiges Publikum erarbeitet, das das Format für seine Geradlinigkeit und seine humorvoll-pointierte Verständlichkeit schätzt. „Die da oben!“ ist politische Aufklärung für junge Erwachsene, knüpft Zusammenhänge, stellt politische Positionen gegenüber, dekonstruiert Widersprüche oder schöpft rhetorische Glanzleistungen aus den Parlamentsdebatten. Mandatsträger*innen werden daran gemessen, wie und worüber sie in der Volksvertretung kommunizieren: „Wir bilden das ab, was unsere Politiker in den Parlamenten so treiben“, sagt Jan Schipmann im Interview. Bei der Verwendung von Falschinformationen in Parlamentsreden werden redaktionelle Korrekturhinweise gegeben. Damit richtet sich das Format an 19- bis 29-jährige, bei denen mit der nachschulischen Unabhängigkeit auch das Interesse für bundespolitische Themen und Entscheidungsprozesse keimt. Es geht um die Sozialisation zu mündigen Staatsbürger*innen – gerne auch mit einer Bazooka, um ein Zitat der „explosiven Geheimwaffe Olaf Scholz der Sozialdemokraten“ aufzugreifen.

Dabei sollen die jungen Nutzer*innen nicht unterschätzt werden: Wenn eine Partei in ihrer parlamentarischen Redezeit keinen einzigen konstruktiven Lösungsvorschlag formuliere, dann merke das auch der uninformierte Zuschauer, glaubt Schipmann. Je konkreter Lösungsansätze seitens der Politik debattiert würden, desto eher werde es vom jungen Publikum wertgeschätzt. Daraus würden politische Haltungen geformt, bei welchen Parteien sich ein junger Mensch mit seinen Zielen oder auch Nöten aufgehoben fühle, als Wähler oder aktiv politisch gestaltend. So lässt das Host-Duo bei aller umgangssprachlichen Lässigkeit ihrer Moderation in der Regel seine persönlichen Meinungen außen vor. Es gilt das Gebot der Ausgeglichenheit. Gezeigt werden solle, wie groß das Meinungsspektrum im Bundestag ist. Aline Abboud möchte zudem eine „weibliche Perspektive auf das ziemlich männliche Parlament“ bieten. Haltung scheint auch dann und wann durch, vor allem gegen jegliche Form des Extremismus: „In den Sozialen Medien funktionieren krasse Meinungen und krasse Bilder“, weiß Schipmann. Umso wichtiger sei es aus seiner Sicht, dass Journalismus „für junge Menschen, die sich im politischen Raum noch nicht so gut orientieren können“, eine relativ neutrale Berichterstattung und Einordnung bietet. Sich selber in den Vordergrund zu stellen, helfe nicht.

Name: Die da oben!
Produktionsfirma: Hyperbole Medien GmbH
Sitz: Frankfurter Allee 13-15, 10247 Berlin
Website: http://www.hyperbole.de/formate/die-da-oben-2/
Gründung: April 2019
Gründer: Jan Schipmann
Moderator*innen: Aline Abboud, Jan Schipmann
Teamgröße: 14 (Redaktion: 3)
Veröffentlichte Videos seit Start:
> 100 (YouTube)
> 200 (Facebook)
Follower:
YouTube > 51k
Facebook > 45,5k
Instagram > 18,9k
Telegram: > 800

(Stand: September 2020)

Informr als Basis

Jan Schipmann hat eine „Funk“-Vergangenheit. Er gehört seit den ersten Monaten zur Familie: Mit „Informr“ startete er im Dezember 2016 ein politisches Interview-Format, damals noch redaktionell betreut vom Jugendsender MDR Sputnik. Zum Jahreswechsel 2018/19 lief nach etwa 300 Videos die Zusammenarbeit mit MDR Sputnik aus. Der Sender entschied sich, seine „Funk“-Inhalte verstärkt selbst zu produzieren; für Schipmann kein Rückschlag, auch weil er vom Konzept eines niedrigschwelligen, aber nicht unterkomplexen Politikformats junge Leute mit Aktivierungsimpetus überzeugt geblieben ist. Heute erkennt er Adaptionen von „Informr“ bei der „Diskuthek“ von stern.de oder beim „Machiavelli“-Podcast des WDR. Der Neustart gelang der Hyperbole Produktionsgesellschaft, bei der Schipmann als Redaktionsleiter Politik arbeitet, im Direktpitch in der „Funk“-Zentrale: Das kleine Berliner Unternehmen aus der Frankfurter Allee überzeugte die digitalen Programmplaner, ein Scout-Team aus Redakteur*innen des ZDF und der ARD-Rundfunkanstalten BR, MDR, WDR, Radio Bremen und RBB, mit dem Konzept einer wöchentlichen themenzentrierten Aufarbeitung parlamentarischer Debatten. Mit dem konsequenten Fokus auf Themen wurde das Profil schärfer: „Im Gegensatz zu ,Informr‘ wissen die Leute, was sie bekommen, wenn sie auf unserer Webseite sind.“ Vagheit wurde ersetzt mit einem engen Blickwinkel auf Politik: das Handeln politischer Akteure in den politischen Arenen.

Jan Schipmann

Jan Schipmann

Die meisten Zuschauer*innen klicken nach Beobachtung der Redaktion aus Themeninteresse auf die Videos und nicht etwa, weil sie zu einer regelmäßig wiederkehrenden Fanbase gehören, die sich durch eine „krasse Politikaffinität“ auszeichne, so Schipmann. Entsprechend werden bevorzugt gesellschaftliche Debattenthemen aufgegriffen, die in der Lebenswirklichkeit junger Menschen vor-, im politischen Diskurs aber häufig noch zu kurz kommen: LGBTQ+,Menschenrechte, Uploadfilter, Rassismus, Klimaschutz, die Zukunft der Technik, Entwicklung des Arbeitsmarkts und so fort. „Es gibt aber auch super viele Vollnerds, die zusätzlich sogar Phoenix einschalten“, berichtet Schipmann. Diesem Teil des Publikums gehe es um unterschiedliche Perspektiven auf Politik – sie wollen möglichst breit und vielstimmig informiert werden. Dennoch sieht sich Schipmann als Gegenentwurf des traditionellen Politikjournalisten: „Vielen geht es um die Ansprechhaltung: Bei Phoenix hast du einfach den Old-School-Parlamentsberichterstatter. Das kann man mögen. Das ist sehr akribisch, reflektiert und kompetent. Aber es ist nicht gerade ein Feuerwerk der Emotionen. Wenn ich Anfang 20 wäre, hätte ich wenig Bock, das zu gucken.“

Divers und kontrovers

Aline Abboud

Sein Co-Host Aline Abboud kommt aus der heute-Redaktion des ZDF, hat beim Parlamentsfernsehen des Deutschen Bundestags volontiert und steht ihrem Kollegen in Sachen spitzzüngiger Klarheit nicht nach und ist für Schipmann eine Idealbesetzung: „Es gibt nicht gerade einen Frauenüberschuss im politischen Journalismus“, beklagt er. Die 1988 in Ost-Berlin geborene Arabistin sei für das Format die „perfekte erste Wahl“ gewesen. Schipmann selbst studierte Germanistik, Musikwissenschaften und Philosophie und drängte schon früh mit seinem „Alles-und-Nichts-Profil“ in den Journalismus: Mit Anfang 20 machte er bei „Kölncampus“ Hochschulradio und belegte als studentischer Mitarbeiter Schichten bei den Vox-Nachrichten. Danach betreute er mehrere Jahre Livesendungen beim Radiokanal WDR5. 2016 kam Schipmann dann zu Hyperbole und ist mittlerweile dienstältester Mitarbeiter der im Jahr 2015 gegründeten Firma.

Wie bei allen „Funk“-Formaten ist auch „Die da oben!“ nicht ausschließlich auf einer Social-Media-Plattform zuhause: Sämtliche Videos werden auch auf der Website von „Funk“ unabhängig von den großen Portalen veröffentlicht. Facebook und YouTube halten sich jedoch die Waage, mit unterschiedlichen Reichweitenfaktoren: Bei YouTube erscheinen die regulären Videos in voller Länge und ohne Untertitel, die für gewöhnlich zwischen zwei und neun Minuten variiert. Bei Facebook folgt die Redaktion einer anderen Plattformspezifik und untertitelt alle Inhalte, da Nutzer*innen hier Videos überwiegend mobil ohne Ton rezipieren. Auch werden bei Facebook zusätzlich kurze Video-Auszüge aus verschiedenen Debatten gepostet, die als Statements einzelner Politiker*innen entweder besonders kontrovers oder clever erscheinen. Bei Facebook seien die Videos, obwohl die Abonnentenzahlen im Direktvergleich hinter YouTube zurückfallen, reichweitenstärker, sagt Schipmann. Bei Googles Videoportal aber gäbe es die „krasseste Retention Rate“, die loyalsten Nutzer*innen. Und dennoch hadert die Redaktion bei YouTube mit der starken Gesichtsfixierung der Plattform: nicht die Themen, sondern die Creators stünden im Vordergrund, sperrige Inhalte hätten es daher schwer. So zeigen Abboud und Schipmann hier häufiger Gesicht und nähern sich damit Formaten wie „Deutschland3000“ mit Eva Schulz an, die mit der starken Persönlichkeit ihrer Presenter beim Publikum zu punkten versuchen.

Auch „Die da oben!“ reiht sich ein in die Riege stark personalisierter Formate bei „Funk“, die in der Sphäre des Social Web Reichweite bringen sollen: „Worauf wir Wert legen, wenn wir mit Produzenten sprechen, ist, dass es ein schlüssiges Reichweiten- und Distributionskonzept geben muss“, sagt „Funk“-Vize-Geschäftsführerin Sophie Burkhardt: „Für uns ist es wichtig, dass man nicht nur von der redaktionellen Idee ausgeht, die man selber gut findet und sich darauf verlässt, dass das journalistische Projekt sein Publikum finden wird. In dem Umfeld, in dem wir uns bewegen, muss Distribution und Reichweite in einem klaren Konzept von Anfang mitgedacht werden.“ So ist es schon verdienstvoll, wenn ein auf Interaktion mit jungen Politikinteressierten angelegter Kanal wie „Die da oben!“ mit dem Charisma von Abgeordneten für eine kritische Auseinandersetzung mit parlamentarischer Debattenkultur wirbt, die andernfalls an junge Leute nur schwer zu vermitteln ist.

„Telegram nicht den rechten Influencern überlassen“

Zwischendurch wird gern weiterempfohlen: Berichte von „Süddeutscher Zeitung“, „Zeit Online“, „Tagesschau.de“, „Spiegel Online“, „taz“, Deutschlandfunk zu den großen Themen dieser Zeit. Die Lektüretipps gibt es täglich über den Messenger Telegram, nicht etwa nur weil Whatsapp es Redaktionen nicht mehr erlaubt, große Verteiler zu bedienen. „Telegram kann mehr seriöse Politikberichterstattung vertragen“, meint Jan Schipmann. „Wir wollen rechten Influencern dort nicht das Feld überlassen.“ Innerhalb von einer Woche habe man den (RSS-)Kanal der Tagesschau bei Telegram überholt. Zugegeben fallen die Reichweiten der Nachrichtenanbieter hier deutlich bescheidener aus als anderswo – „Die da oben!“ hat knapp 860 Abonnenten, „tagesschau.de“ liegt aktuell bei ca. 110). Der kleinere Kreis dient allerdings als Entwicklungsfeld für einen intensiveren und exklusiveren Kontakt zu besonders loyalen Nutzer*innen, die aktiv Bedarf anmelden an weiterführenden Hintergrundinformationen, die über die Inhalte der Videos speziell auf dem YouTube-Channel hinausgehen.

Der Austausch mit dem Publikum ist meist konstruktiv, es gibt aber auch viel Geplänkel. Schon zu Zeiten von „Informr“ habe er regelmäßig Zuschriften erhalten, berichtet Schipmann, in der Regel über Direktnachrichten via Facebook Messenger und mittels Kommentaren bei YouTube, Facebook, Instagram. E-Mails sind dagegen nicht relevant. Direktnachrichten erreichen die Redaktionen meist dann, wenn Nutzer*innen Nachfragen stellen, es genau wissen wollen. Aber auch Dankbarkeit ist ein Thema und Ansporn: „Kids schreiben uns: ‚Geiles Video, das habe ich im Unterricht benutzt.‘“, freut sich Schipmann. „So erfüllen wir unseren klassischen Bildungsauftrag.“ Junge Leute bedankten sich gerne für Beiträge, von denen sie sich gut informiert fühlen, die sie inhaltlich weiterbringen – ein Labsal für die redaktionelle Seele. Hin und wieder darf das Publikum auch abstimmen: über das nächste Best-Of-Video für die Sommerpause zum Beispiel.

Dabei soll penibel auf eine ausgeglichene Auswahl aller im Parlament vertretenen Fraktionen geachtet werden. Der Anspruch ist im Detail schwer durchzuhalten. Schnell kann sich eine Redaktion dabei in der Auszählung von Redezeiten der Parteien verheddern. So genau kann sie es damit auch nicht halten: Es werde sich aber darum bemüht, Ausgeglichenheit herzustellen. „Bei jeder Debatte, die wir behandeln, sollen die Positionen der verschiedenen Fraktionen deutlich werden. Dazu muss aus jeder Fraktion mindestens ein Politiker vorkommen. Wenn aber jemand ein Feuerwerk in der Debatte abgeliefert hat, dann kann es schon sein, dass diese Person mit etwas größerem Redeanteil dabei ist. Wir würden aber niemals drei Videos hintereinander veröffentlichen mit Auftritten ein und desselben Politikers. Darauf achten wir auch video-übergreifend“, sagt Schipmann.

Vollständig und ausgeglichen, so gut es geht

Mit Hass und Hetze wird die Redaktion nur selten attackiert, allenfalls muss sie auf Diskurshygiene achten, wenn die politischen Akteure und Themen in ihren Videos Ziel solcher Angriffe werden und der Ton einzelner Nutzer*innen entgleist. Wiederkehrend sind auch Rechtfertigungen nötig, weshalb auch Redebeiträge von Abgeordneten der AfD aufgegriffen werden. Schipmann stellt fest: „Wir sind natürlich als öffentlich-rechtliches Format in der Position, jede Partei abzubilden. Wir wollen Demokratie und Demokratieverständnis fördern. Und solange die AfD nicht vom Verfassungsschutz verboten wird, wird sie auch bei uns vorkommen. Das ist unser Programmauftrag. Natürlich gibt es auch einen Ermessensspielraum, etwas nicht abzubilden wie zum Beispiel, wenn jemand volksverhetzende Dinge im Parlament sagt. Es bleibt aber ein Spagat; denn viele meinen, wir sollten der AfD keine Bühne geben. Journalismus ist aber kein Wünsch-dir-was, sondern wir haben es mit Parlamenten in der Vielfalt ihrer Fraktionen zu tun. Wer da den Blick einschränken würde auf einige ausgewählte Fraktionen, würde meiner Ansicht nach damit nur Politikverdrossenheit fördern.“

Wenn einzelne Videos zu bestimmten Reizthemen und -figuren die „Bubble“ der jungen Zielgruppe durchstößen und die Beiträge auch in geschlossenen „Wutbürger-Gruppen“ geteilt würden, zeigt sich für Schipmann indes die Kehrseite der Sharing-Culture. Dann schlage der Pegel schnell einmal aus, und die Kritik treffe auch die Redaktion: „Wir wurden schon als Altright bezeichnet, aber auch als Antifa-Kanal. Mein Favorit bis heute ist der Vorwurf, wir seien ein schwarz-grüner Propagandakanal.“ Bei Kritik aus gegensätzlichen Lagern fühlt sich Schipmann letztlich in seinem Anliegen bestätigt, seinen Informationsauftrag überparteilich wahrzunehmen.

Gravierender scheint sich die demographische Entwicklung auszuwirken: Der Instagram-Kanal von „Die da oben!“ wächst, aber langsam. Die Plattform für visuelle Inhalte erfährt erst nach und nach ein politisches Frühlingserwachen, vor allem durch junge bzw. jugendliche soziale Bewegungen wie Fridays for Future. Über den „Funk“-Hub auf Instagram erreichen „Die da oben!“-Videos steigende Abrufzahlen. Dennoch ist das (Anspruchs-)Potenzial noch nicht ausgeschöpft: „Instagram ist für uns enorm wichtig. Auf Instagram sind deutlich jüngere Menschen unterwegs, und das Diskussionsklima ist häufig konstruktiver und angenehmer als bei Facebook“, sagt Jan Schipmann. „Außerdem gibt es sehr viele verschiedene Content-Typen, die uns eine sehr abwechslungsreiche Berichterstattung erlaubt. Pic Post, Feed-Video, IGTV, Story, Reel, Live – wir können so für jedes Thema die für uns passende Herangehensweise wählen.“ So wichtig Facebook noch in der redaktionellen Distributionsstrategie von „Die da oben!“ ist, wird die Nutzerschaft auf der Plattform im Schnitt immer älter. Instagram wird deshalb immer stärker zur Lebensader für junge Nachrichtenformate. Die Altersverschiebung innerhalb des Publikums hat bereits einem anderen, zudem preisgekrönten „Funk“-Format den Garaus gemacht: „Jäger und Sammler“ wurde Ende 2019 eingestellt. Andere hochgelobte Formate wie „Softie“ (bis 2019) oder „Karakaya Talk“ (bis 2020) wurden nach kurzer Zeit ebenfalls überraschend beendet, weil sich Relevanzkriterien in dem volatilen Segment der jungen Nachrichten- und Unterhaltungsangebote einem steten Aushandlungsprozess befinden.

Stillstand ist keine Option

So wird sich auch „Die da oben!“ weiterentwickeln müssen, in der Art und Weise, wie der Blick in und auf die Parlamente geworfen wird, wie der Umgang mit politischer Debatte vermittelt wird, und wie Themen ausgewählt werden: Es gelte, „sich von verschwurbelter Sprache abzusetzen, die aus meiner Sicht immer noch das größte Hindernis darstellt, um Politik an eine breite Masse zu kommunizieren, weil viele Menschen gar nicht verstehen, worum es bei den politischen Themen geht“, sagt Jan Schipmann. Er wolle noch mehr junge Menschen inspirieren, sich für Politik zu interessieren und sich zu engagieren. Humor ist dabei ganz offensichtlich – auch für die so wichtige unaufdringliche Kurzweiligkeit – ein wichtiger Faktor.

Er halte weiterhin die Augen auf: Was fehlt im Politikjournalismus? Wo gibt es Leerstellen, wo werden junge Leute gelangweilt oder vergrault? Inspirationen müssen fließen, zugleich müssen die Abhängigkeiten von Plattformalgorithmen wachsam begleitet werden, die darüber entscheiden, wie die eigenen Inhalte ausgespielt werden. Schipmann empfindet den Kreativdruck als sportliche Herausforderung: Wenn man sich von den Zwängen nicht freimachen kann, muss man ihnen umgehen.

Ein Risiko, dass das Content-Netzwerk für „Die da oben!“ den Stecker zieht, sieht Jan Schipmann aktuell nicht. Gleichwohl beobachtet er aufmerksam die Produktentwicklung der Plattformkonzerne, die Releases neuer Features und Trends in der Mediennutzung. Was weiterhin zähle, seien Inhalte, gibt Schipmann programmatisch aus. Manche Formate seien irgendwann einfach auserzählt. Dass dann ein Schlussstrich gezogen werde, sei nachvollziehbar. Bei „Funk“ würden solche Entscheidungen in der Regel auch transparent kommuniziert. Als Produktionsfirma stehe es einem stets frei, eine neue Idee vorzustellen. Schließlich solle man, mein Schipmann, in diesem Geschäft permanent daran arbeiten, sich neu zu erfinden: „Wenn ich jahrelang immer das gleiche machen würde, wäre ich echt gelangweilt. Innerhalb unseres medialen Feldes gibt es so viele Art und Weisen, Geschichten zu erzählen und Informationen zu vermitteln, um politische Bildung zu betreiben.“

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